Fjodor Dostojewski: Aufzeichnungen aus dem Untergrund (1864)

Dostojewskis Kurzroman „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ erschien 1864 in der Zeitschrift „Epoche“, deren Herausgeber er gemeinsam mit seinem Bruder Michail war.

Der Erzähler ist ehemaliger Beamter, der nach einer kleinen Erbschaft den Dienst quittiert und sich in seine Wohnung zurückgezogen hat. Er ist ein Außenseiter, hat keine Freunde und verabscheut seine Nachbarn. Verbittert, voller Rachsucht und Neid gegenüber den Menschen und in allen Punkten unzufrieden mit sich selbst, ist es ihm doch das größte Vergnügen, über seine Person zu schreiben. Er hält sich selbst für klug, für klüger als die meisten anderen und er beschreibt seine Klugheit als Fluch, weil sie ihn dazu verleitet, sich die Beweggründe seiner Handlungen vor Augen zu führen und zu erkennen, dass er genaugenommen nur aus Egoismus handelt.

Der Roman besteht aus zwei Teilen. Im ersten, eher essayistischen Teil lässt Dostojewski den namenlosen Erzähler seine Haltung zur Gesellschaft darlegen. Er hält sich bewusst abseits, zieht eine klare Trennung zwischen sich und den anderen und klagt über die Selbstzufriedenheit der „Menschen der Tat“, deren Dummheit jeden Zweifel an sich selbst verhindert.

Er zieht dabei den Bogen zu Zeitgeschehen und neuen Ideen. Der Erzähler wendet sich an imaginäre Gesprächspartner, die er mit „meine Herrschaften“ anspricht und diskutiert mit ihnen über das Wesen des Menschen, über Möglichkeiten, Menschen durch Bildung umzuerziehen und über die Definition von Vorteil und freiem Willen. Er vertritt die Meinung, dass Menschen zwanghaft wider die Vernunft handeln, um sich zu beweisen, dass sie es können. Ganz gleich, ob sie damit sich selbst schaden.

Im zweiten Teil unternimmt er den Versuch, über sein Handeln und die zugrunde liegenden Motive zu berichten und dabei in jedem Punkt bei der Wahrheit zu bleiben. Zugleich kann die Darstellung der Ereignisse auch als Beleg für die vorher aufgeworfenen Theorien beziehungsweise Meinungen gelten. Der Erzähler beschreibt eigene Erlebnisse aus Schulzeit und Arbeitsleben und die folgenschwere Begegnung mit ehemaligen Schulkameraden, bei der ihn Fehlentscheidungen und rüdes Verhalten immer tiefer in die Misere treiben. Damit belegt er, dass selbst ein gebildeter Mensch, welcher das „Schöne und Erhabene“ zu erkennen und wertzuschätzen in der Lage ist, nicht zwangsläufig vernünftig oder edel handelt.

Dem Roman ist ein umfangreiches Glossar beigefügt, in dem die vielen zeitgeschichtlichen und literarischen Bezüge, die der Text enthält, ausführlich erklärt werden. Zudem gibt es ein Nachwort der Übersetzerin, welches für das tiefere Verständnis des Werkes von Nutzen ist. Dostojewski arbeitet mit Anspielungen, die dem heutigen Leser schwerlich etwas sagen dürften. Ich lerne unter anderem, dass sich die Diskussion über freien Willen, Vernunft und Bildung auf das sozialutopische Buch „Was tun“, geschrieben von Nikolai Tschernyschewski und erschienen im Jahre 1863, bezieht. Aber auch, dass es in Petersburg in den 1860er Jahren mehrere Zahnärzte mit dem Namen Wagenheim gab.

Besondere Erwähnung verdient die hochwertige Ausführung des Buches. Von Umschlaggestaltung über Schrift bis zum Papier ist dem Manesse Verlag ein echter Hingucker gelungen.

Fjodor Dostojewski: Auszeichnungen aus dem Untergrund (1864).
Aus dem Russischen übersetzt von Ursula Keller.
Manesse, September 2021.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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