Fiston Mwanza Mujila: Tram 83

»… In einer Stadt, die auf den Grundsätzen Überlebenskampf, Edelsteine und Kalaschnikows beruhte, war es schwer, die genaue Identität der Touristen zu bestimmen. Aus welchen Ländern stammten sie wirklich? Warum kamen sie nach Afrika?« (S. 89)

Ins Tram 83 kommen alle, die Geschäfte machen wollen. Die einen verkaufen ihren Körper, die anderen verkaufen Waren und Auftragskämpfer. In diesem gesetzlosen Raum lebt und arbeitet Requiem. »… Er musste Waren ausliefern, davon hing sein Leben ab.« (S. 9). Eines Tages erscheint sein verhasster Bruder Lucien aus dem Hinterland, der bei ihm für die Übergangszeit wohnen will. Lucien ist Schriftsteller ohne Zukunft und ohne Geld. Seine moralischen Ansprüche belasten die Wohngemeinschaft. Je länger Lucien auf Requiems Kosten lebt, um so großer wird dessen Hass auf den ‚faulen‘ Bruder, der lieber bei den Kakerlaken schläft als moralische Kompromisse einzugehen.

Der 1981 in Lubumbashi geborene Autor Fiston Mwanza Muzjila unterrichtet afrikanische Literatur an der Universität Graz. Darüber hinaus schreibt er Lyrik, Prosa und Theaterstücke. Lubumbashi ist die Hauptstadt der rohstoffreichen Region Haut-Katanga und die zweitgrößte Stadt der Demokratischen Republik Kongo. In seinem kühnen Roman Tram 83 thematisiert der Autor die gesellschaftlichen Folgen durch den Abbau von Bodenschätzen. Deshalb wartet man bei dieser ungewöhnlichen Lektüre vergeblich auf eine klassische Milieustudie. Im Vordergrund stehen überraschende Dialoge und ein origineller Erzählstil, der eine chaotischen Menschenschar inszeniert. Sie alle haben im Tram 83, einer Spelunke, ihre Heimat gefunden. Wie überall gibt es auch dort eine Hierarchie, in der die geografische Herkunft, Sprache und finanzielle Möglichkeiten der »gewinnorientierten Touristen« eine Rolle spielen.

»… Dieses Kastensystem hatte seinerseits interne Abstufungen, die oft vom Geld und der Blässe der Haut abhingen.« (S. 90) Wer pleite war, fand sich unabhängig der Hautfarbe in der Kategorie »Tourist zweiter Klasse« wieder.

Der findige Requiem kann dank seiner Skrupellosigkeit ganz oben in der Hierarchie seinen Platz verteidigen. Weil es aber im Umfeld der Tram 83 weder Gesetze noch Gerechtigkeit gibt, kann sich alles spontan und willkürlich verändern. Dies zeigt insbesondere Requiems Einbruch in einer Mine, bei der Lucien verloren geht. Die Quintessenz heißt: Nehmen mit Gewalt oder krepieren. Inzwischen ist Requiem 37 Jahre alt. Demnach hat er nur noch 4 Jahre zu leben. Denn älter als 41 wird kaum einer.

Fiston Mwanza Mujila: Tram 83.
Unionsverlag, Juli 2018.
208 Seiten, Taschenbuch, 12,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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