Fedor de Beer: Das Buch der 1269 Wünsche

Als die Großmutter der 13-jährigen Marit mit nur 69 Jahren bei einem Flugzeugcrash stirbt, ist das junge Mädchen zutiefst betrübt. Oma Johanna war immer so vital, stets auf Achse und hat niemals Ruhe genossen. Ganz so wie auch ihre Tochter Eva, die lieber in den Konzertsälen der Welt zuhause ist, als Zeit mit Marit zu verbringen. Dann entdeckt Marit ein über Jahre gehegtes Geheimnis im Nachlass ihrer Oma Johanna. 1943 gelangte eine jüdische Familie bestehend aus vier Kindern und den Eltern in einem nationalsozialistischen Arbeitslager in den Niederlanden. Nur eine der sechs Personen überlebte: das kleine Baby. Und das alles Dank Marits Urgroßmutter, die mutig das kleine Wesen an sich nahm.

Fedor de Beers Roman ist viel, viel zu kurz! Nur knapp 190 Seiten misst die interessante Geschichte. Vielleicht deshalb erzählt der Autor sehr unverblümt und direkt von den Geschehnissen. Als Marit in den Besitz des Amuletts ihrer Großmutter gelangt, sieht sie nachts drei ihr fremde Kinder an ihrem Bett stehen. Emanuel ist der älteste Sohn der jüdischen Familie Spier, deren Mitglieder fast alle durch die Nationalsozialisten im Konzentrationslager gestorben sind. Nur die kleine Rachel, damals ein drei Monate alter Säugling, konnte überleben. Emanuel übergab das Baby im letzten Moment einer Wildfremden, die das Mädchen über Jahre hinweg wie ihr eigenes Kind aufzog. Schnell erkennt Marit, dass es sich bei Rachel um ihre soeben verstorbene Großmutter handelt. Diese hat ihr Leben lang damit zugebracht, die Wünsche der verstorbenen 1269 Kinder zu erfüllen, die diese ihr mit Hilfe des Amuletts übermittelt haben. Nur ein Wunsch ist nach ihrem Tod noch übriggeblieben und diesen soll nun Marit erfüllen.

Der Roman geht trotz seiner Kürze unter die Haut und das vom Verlag empfohlene Lesealter scheint mit 10 bis 13 Jahren danebengegriffen. Ab 13 Jahren scheint mir hier ein Lesen sinnvoll – und auch das wird nicht ohne Folgen bleiben, denn nach der Geschichte werden Fragen bleiben, die beantwortet werden wollen. „Das Buch der 1269 Wünsche“ ist ein interessanter Roman, der sicher auch im Schulunterricht bei passenden Themen einen guten Platz findet. Auch Eltern können an dieser Geschichte Gefallen finden, kann sie doch ein gelungener Einstieg in die Thematik vom Judentum im Nationalsozialismus sein. Denn obwohl die Geschichte hart ist, geht sie nicht zu sehr ins Detail und lässt Spielraum für eigene Entdeckungen und Recherchen.

Im Anhang weist der Autor darauf hin, dass die vorliegende Geschichte rund um die Familie Spier erfunden ist, es die Kindertransporte aus den Niederlanden Richtung Polen aber sehr wohl gegeben hat. Er wolle mit diesem Roman darauf aufmerksam machen. Das ist ihm gelungen und das sogar sehr fesselnd. Das kleine Büchlein ist im Nu gelesen!

Eine Geschichte, die unter die Haut geht, die aber nicht für jedes Alter geeignet scheint.

Fedor de Beer: Das Buch der 1269 Wünsche.
dtv, September 2016.
192 Seiten, Gebundene Ausgabe, 12,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Janine Gimbel.

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