Fabian Hischmann: Das Umgehen der Orte

Fabian Hischmann, 1983 geborener Autor, war 2014 für seinen ersten Roman „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Der Protagonist  dieses Buches, Max Flieger, taucht auch in Hischmanns neuem Roman „Das Umgehen der Orte“ auf, der am 12. Januar 2017 im Berlin Verlag erschienen ist.

Max Flieger, der seine Eltern durch ein Unglück verlor, ist inzwischen 36 Jahre alt und wird zunächst im Jahr 2018 von Tim in eine psychiatrische Einrichtung gebracht, Weihnachten 2019 liefert er sich dann selbst ein. Neben Max Flieger treten in Fabian Hischmanns Roman viele andere Figuren auf, junge Leute, Männer und Frauen. Da ist die fette Lisa, die unglücklich in die selbstbewusste Anne verliebt ist und nach Island auswandert in der Hoffnung, dort nicht mehr zu schwitzen. Oder Dylan, Magnus, der aussieht wie ein Frettchen, und Samuel, die Schriftsteller werden wollen. Niklas macht ein Praktikum in einer Seehundauffangstation, er liebt Tim, lernt aber Lennart kennen. Tim Cooper fotografiert, verliebt sich in Katja und fiebert seiner ersten Ausstellung entgegen. Dazwischen noch Kolja, Hannes, der Regisseur werden will und Thomas, der Taxifahrer Philip, Silke und die alte Frau Sander, Paula und Theo als Nachbarskinder und  der vernachlässigte Robin, dessen Idol Lionel Messi ist.

2004 geht der Roman im Südwesten Deutschlands los, springt dann ins Jahr 2017 nach Zürich, 2018 geht es weiter auf eine Insel in der deutschen Nordsee über Australien nach Glasgow, manche Figuren wünschen sich nach Rio oder Barcelona und manche landen in Portland, Oregon. 2019 schließlich besucht die selbstbewusste Anne, deren Freund Thomas gerade verstorben ist und die daraufhin eine Abtreibung an ihrem gemeinsamen Kind vornehmen ließ, die ehemals fette Lisa in Island, die inzwischen glücklich mit Karen liiert ist.

Zum Jahreswechsel 2020 liest Max Flieger in der Psychiatrie die letzte Seite aus Samuels Buch „Muränen“, das ihm Valentin („er und Max waren mal beste Freunde“) geschenkt hat.

Alles klar? Fabian Hischmann hat viel herein gepackt in seinen Roman. Vor allem bei der Vielzahl der Figuren, von denen der Lesende meist nicht mehr erfährt als den Vornamen, geht leicht der Überblick verloren. Und das liegt daran, dass diese Figuren, mit wenigen Ausnahmen, keine Tiefe haben. Als Lesende musste ich mehrfach vor und zurück blättern, um die Namen zu sortieren. Die jungen Leute aus den Geschichten sind teilweise irgendwie miteinander verknüpft, aber um diese Verknüpfung heraus zu bekommen, schrieb ich kleine, klebende Merkzettel und heftete sie an die entsprechenden Seiten im Buch. Das ist für mich kein Lesevergnügen, die Verbindungen zwischen den Figuren erscheinen konstruiert. Das habe ich z.B. bei D.W. Wilson (Jahrgang 1985) in „Den Boden nicht berühren“ (2016) sehr viel besser gelesen. Außerdem passiert in der Geschichte kaum etwas, was mir geholfen hätte, mit Spannung und Interesse weiter zu lesen.

Fabian Hischmanns Sprache fehlt das Charakteristische, Besondere: „Es ist fast Mittag, als Lisa sich den Schlafsand aus den Augen reibt und einen Entschluss fast.“ Der Ton ist beiläufig: „Dylan kommt aus einer Transkontinental-Familie. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater Australier…Magnus‘ Familie besitzt ein Golfhotel in Hessen. Samuels Eltern produzieren deutsche Blockbuster und haben lange um Bernd Eichinger getrauert.“

Ja, und? frage ich mich als Lesende. „Das Umgehen der Orte“ ist das Umgehen einer Geschichte, schade. Vielleicht wären Kurzgeschichten oder Erzählungen die besseren literarischen Formen für dieses Buch gewesen. Denn eine Aneinanderreihung von Begebenheiten mit vielen Figuren über mehrere Jahre (auf den letzten Seiten kommt auch noch die fortlaufende Uhrzeit dazu) erzählt und an unterschiedlichen Orten spielend ist in diesem Roman nicht unbedingt anspruchsvolle Literatur, sondern eher (noch) fehlendes schriftstellerisches Können.

Fabian Hischmann: Das Umgehen der Orte.
Berlin Verlag, Januar 2017.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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