Eyal Megged: Oschralien

Der israelische Schriftsteller und Journalist Eyal Megged (Jahrgang 1948) schreibt Gedichte, Kolumnen und Romane. Auf Deutsch erschienen seine Romane „Sansibar, einfach“ (2005) und „Unter den Lebenden“ (2015). Im Mai 2018 veröffentlichte der Berlin Verlag den Roman „Oschralien“ in einer Übersetzung von Ruth Achlama.

Hillel, ein israelischer Musiker und Komponist, ist nach dreißig Jahren von seiner Ehefrau Alice, ebenfalls Musikerin, verlassen worden. Seit acht Jahren trauert er dieser Beziehung, oder sollte man besser sagen Obsession, nach. Unglücklich und depressiv geht er Affären mit anderen Frauen ein. Seine Gedanken und Gefühle kreisen jedoch unablässig um Alice, die mit einem jungen italienischen Dirigenten liiert ist. Einzig sein Kater Purcell scheint Hillel wichtig zu sein. Bei dem Besuch einer griechischen Insel lernt er Anat kennen. Sie beginnen eine leidenschaftliche Beziehung, Anat wird schwanger und trennt sich von Hillel, der weder Frau noch Kind will. Anat, die Tierärztin, wandert mit Roy, Hillels Sohn, nach Australien aus. Mit drei Jahren nennt Roy Australien „Oschralien“. Und Hillel nennt ihn seinen „umgekehrten Jungen“. Hillel ist froh, dass Australien weit weg ist, und er sich nicht um Anat und Roy kümmern muss. Er gibt Musikunterricht und leidet unter der Trennung von Alice, die er Zeit ihrer Beziehung mit seiner (unbegründeten) Eifersucht quälte. Aus der Ehe mit Alice stammt seine inzwischen erwachsene Tochter Zlil, die als Yogalehrerin in der Schweiz lebt. Zlil musste ihre Eltern immer mit der Musik teilen und die Musik war ihnen immer wichtiger.

Nach Jahren bittet Anat Hillel um Hilfe. Roy ist zu einem unbändigen, tyrannischen Jungen geworden. Anat meint, er brauche seinen Vater. Nach einem Yoga-Workshop mit seiner Tochter reist Hillel widerwillig nach Australien. Immer noch ganz und gar mit Alice beschäftigt und mit sich selbst. Das Leben mit Roy wird zur Geduldsprobe. Die Beziehung zu Anat lässt sich nicht reaktivieren, Hillel liebt sie nicht. Roy schwankt zwischen Ablehnung und Annäherung zu seinem Vater hin und her. Hillel auch. Immer wieder funkt Alice mit lockenden Botschaften dazwischen. Hillel ist unfähig, einen Schlussstrich zu ziehen. Er arbeitet auf der Farm für notleidende Tiere mit und versucht sich und sein Leben zu verstehen. Irgendwann taucht Tim, der pragmatische Philosoph, auf und umwirbt Anat. Er findet auch bei Roy den richtigen Ton. Und Hillel kann zurück nach Israel fliegen.

Hört sich interessant an. Ist es aber nicht.

„Oschralien“ ist ein fades, langatmiges Buch über das weinerliche Selbstmitleid eines verlassenen, älteren Mannes, der sich benimmt wie ein enttäuschtes Kind, dem man sein Spielzeug weggenommen hat. Eyal Megged hat einen gänzlich unsympathischen und selbstgefälligen Protagonisten auf dem Ego-Trip erdacht, was nicht unbedingt auch zu einer schlechten Geschichte führen muss, in diesem Fall aber leider tut. Denn Meggeds Sprache und Erzählweise sind so vordergründig intellektuell, künstlerisch und philosophisch, dass es mir als Lesende graust:

„Die Partitur des Schicksals schreiben wir nicht. Uns bleiben lediglich Arrangement und Dirigieren. Wir dürfen Takt und Ton bestimmen, höchstens noch die Orchestrierung. Vielleicht haftet deshalb das Gebiet außerhalb unseres Verantwortungsbereiches – das reale Geschehen im Gelände – nicht im Gedächtnis. Hängen bleibt im Wesentlichen das, was unserer Verantwortung unterstellt ist: die entstehende Atmosphäre, das Klima der Dinge.“ (S. 31)

Alles klar?

Diese und viele andere Textstellen verwandeln eine gute Idee (über das Scheitern von Ehe und Familie aus männlicher Sicht) zu einem miserablen Lesestoff.

Einen schlechten Roman zu schreiben, ist nicht ungewöhnlich und schnell vergessen. Aber einen schlechten Roman zu schreiben, der mich als Leserin und Pädagogin schwarz ärgert, ist unverzeihlich. Denn Eyal Megged lässt darin seinen Protagonisten Hillel dem sechs- oder siebenjährigen Sohn Roy eine Geschichte gegen den Verzehr von Fleisch (in Anlehnung an Plutarch) erzählen, die so endet: „Doch der Held Plutarch – der in meiner Geschichte zu einer Art Spartakus oder einem Vorläufer von Gary Yourofsky avancierte – befreit die Tiere, rettet sie mit kühnen und klugen Aktionen. Die Fressgelage enden nicht mit der Schlachtung der gefesselten Tiere, sondern in einem Blutbad unter ihren besoffenen Folterknechten, die gar nicht begreifen, woher dieser Supermann über sie gekommen ist.“ (S. 60)

Was hat sich Eyal Megged bloß dabei gedacht? Zurück mit diesem Buch zum Verfasser!

Eyal Megged: Oschralien.
Berlin Verlag, Mai 2018.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.