Ernest Kwast: Fünf Viertelstunden bis zum Meer

funfVor drei Jahren fiel mir ein Roman des preisgekrönten japanischen Autors Haruki Murakami in die Hände. Ein „Männerroman“ aus Japan, den sicher auch viel Frauen gelesen haben, denn er ist literarisch von außerordentlicher Qualität. Es ist die Geschichte einer Obsession, geboren in den Kinder – und vorpubertären Jahren von Hajime und seiner Jugendliebe Shimamoto.
Das kann sicher jeder gut nachvollziehen. Es gibt, wenn ich etwas wühle in meinen Gedanken, Geschichten und Dramen aus all den erlebten Jahrzehnten, immer wieder das eine oder andere Gesicht aus der Vergangenheit, bei dem, wenn es dann tatsächlich auftaucht, ein Schwall Emotion einen nahezu unerklärlich überwältigt. Es kann ein Gesicht sein aus frühen Jahren oder die Erinnerung an eine frühe erotische Situation. Im vorliegenden Büchlein, vielleicht sollte man sagen, Novelle, empfand ich alles als noch besser getroffen. Es ist ein Liebesroman, unvergleichlich schön in seinen starken Bildern, kurz, es ist wie Kopfkino; ein Film, der sich die ganze Zeit vor dir abspielt weil alles so stimmig ist. In „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ sehen Ezio und sein Bruder Alberto sprachlos, wie die 20-jährige Giovanna Berlucchi wie ein Traumbild dem Meer entsteigt. Und hier beginnt das Drama. Ezio fängt sich als erster und rennt auf sie zu. Giovanna ist keck, schön und das alles weiß sie auch. Sie trägt einen „frühen“, zweiteiligen Badeanzug, der erst viel später, als Bikini bekannt wurde. Es kommt in diesem ersten friedlichen Jahr nach dem zweiten Weltkrieg zu hocherotischen Begegnungen zwischen Ezio und Giovanna in der immer gleichen Strand-, Sandmulde. Ihr Liebesnest liegt 8 KM von ihrem Heimatdorf, doch der Weg zum Strand ist wie ein Weg durchs Paradies. Als Giovanna sich allerdings für ihre „Freiheit“, also für ihre Ungebundenheit entscheidet, kommt für Enzio nur noch die Flucht in Frage. Er dreht sich nicht mehr um und verlässt das Dorf am Stiefelabsatz Italiens und landet 1000 KM weit im Norden, in Bozen, Südtirol, und wird Meister des Apfelpflückens. Giovanna bleibt seine einzige Liebe, 60 Jahre hört er nichts von Ihr, bis ein Brief von ihr in seinem Postkasten landet. Er ist erschüttert. Und alt. Aber Giovanna auch. Er fasst sich ein Herz und fährt zurück. Zu ihr. Ich hatte die ganze Zeit die Rollen vorzüglich besetzt mit Sophia Loren und Mario Adorf vor mir gesehen. Zumindest leben sie beide noch und könnten die Jetztzeit spielen. Wunderbare Lektüre, die man sich auch vorlesen lassen kann. Intensiv, traurig, lyrisch und ganz einfach nur schön!

Ernest Kwast: Fünf Viertelstunden bis zum Meer.
Mare Verlag, Februar 2015.
96 Seiten, Gebunde Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Fred Ape.

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