Erich Kuby: Rosemarie (1958)

1958 veröffentlichte Erich Kuby seinen Roman Rosemarie, der inhaltlich anders gewichtet ist als seine Verfilmung. Im Zentrum steht Rosemaries Geschichte, die im Deutschland der Nachkriegszeit, einer Zeit des Aufbruchs und des anwachsenden Wohlstands geschah und in der Presse 1957 für viel Wirbel sorgte. In seinem Vorwort schreibt Erich Kuby, dass es ihm weniger darum ging ein Kunstwerk zu schaffen. Er wolle „… eine Erschütterung des Ansehens, welches die Rosemarie-Kunden als Leitbilder unserer Gesellschaft skandalöserweise genießen …“ (S. 10)

Es gibt viele Rosemaries, die keiner beachtet und unbeachtet ihr Leben verlieren. Die eine, über die der Autor schreiben musste, erfuhr über einen Zufall ihren sensationellen Aufstieg, den einflussreiche und vermögende Kunden förderten. Parallel hierzu beschreibt Erich Kuby die Machenschaften einiger Bonzen, die in die Rüstungsindustrie einsteigen wollten. Die Dynamik der Gier und das Streben nach Macht entfachten ein durchtriebenes Spiel, in dem Rosemarie unter anderem als Lockvogel eingesetzt wurde.

Erich Kuby (1910 – 2005) wurde posthum mit dem Kurt-Tucholsky-Preis ausgezeichnet. Der Chronist der Bundesrepublik Deutschland pflegte in seinen Büchern gesellschaftliche Missstände zu kritisieren. Nach der Verfilmung schrieb er mit schneller Hand das Buch Rosemarie und traf damit eine neue Perspektive auf die Rollenbilder erfolgreicher Geschäftsmann und starker junger Frau, die eine Geschäftsbeziehung auf Augenhöhe pflegten. Es empfiehlt sich, vor der Lektüre des Romans die beiden Nachworte zu lesen. Im ersten schreibt der Autor rückblickend aus dem Jahr 1996 über die Entstehungsgeschichte seines Romans. Im zweiten Nachwort geht Jürgen Kaube, der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, auf die Geschichte des Mädchens Rosemarie und die politischen Hintergründe ein. Mit diesen Informationen lassen sich manche verklausulierten Schachtelsätze in ihrer tiefen Bedeutung besser verstehen. Denn 1957 erlaubte sich der Autor nicht die gleiche Offenheit wie in seinem späteren Nachwort.

Sein Thema war die verlogene Moral in der aufstrebenden Bundesrepublik. Viele wurden mit ihren dubiosen Geschäften sehr reich. Unter anderem auch die einst berühmteste Edelprostituierte. Rosemarie war eine Frau, die sich selbst managte und ihre Dienste wie ein Unternehmen gestaltete. Dem ersten reichen Gönner presste die junge Blondine Geld für einen Luxuswagen ab, der zu ihrem hochpreisigen Aushängeschild wurde. Sie fuhr ihren schwarzen SL langsam durch die Frankfurter Straßen und fand nicht nur dort schnell Kunden. Rosemarie hatte die besondere Gabe ihren „hohen qualitativen, immateriellen Wert“ in den Vordergrund zu stellen.

„[…] Ihre Besucher, die gemeinhin für ihr Geld nur langweilige Vergnügen einkaufen konnten, erlebten bei ihr eine Wertsteigerung ihrer Person wie ihres Geldes.« (S. 110) » […] Wahrscheinlich hätte sie […] ihren Betrieb vergrößert […] Aber die Kunden […] hätten sich nicht […] ablenken lassen; sie bezahlten ja für Rosemarie, sie bezahlten nicht für anonyme Kurzweil.“ (S. 109)

Innerhalb kurzer Zeit stand sie für etwas, das Eingeweihte zu Mitgliedern eines elitären Clubs machte. Doch die Mischung aus Vergnügen und Geschäft war für Rosemarie fatal. Sie bezahlte ihren Aufstieg mit ihrem Leben.

Um die Hintergründe zu durchleuchten, schrieb Erich Kuby in seinem Roman noch eine zweite Geschichte über einige Großindustrielle, die Rosemarie für ihre Machenschaften instrumentalisierten. Der Autor zeigt glaubwürdig einige aufstrebende Unternehmer, die nach ihren eigenen Gesetzen Wohlstand schaffen.

Erich Kuby: Rosemarie (1958).
Schoeffling & Co., Februar 2020.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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