Eric Berg: Mörderinsel

„Noch 34 Tage bis zum zweiten Mord“ (S. 9).

Was für ein erster Satz! Wer würde da nicht sofort weiterlesen wollen.

Und das Weiterlesen lohnt sich. Ich habe schon lange nicht mehr so einen gut konstruierten und gut aufgebauten Kriminalroman gelesen. Dabei sind die bisherigen Romane von Eric Berg alle gut, der eine mehr, der andere weniger. Aber wie er hier die Spannung hochhält, wie er die Spuren auslegt und die Leserin immer wieder in die Irre führt, so dass man auf jeder neuen Seite einen neuen Täter in Verdacht hat, das ist schon genial.

Auf der Ostseeinsel Usedom wurde eine junge Frau brutal ermordet. Eine Frau, die jeder kannte und schätzte. Als Mörder vor Gericht steht Holger Simonsmeyer, Hotelier in dem kleinen Dorf, aus dem auch die Tote stammte. Doch er wird freigesprochen. Das Entsetzen im Dorf ist groß, alle dort halten ihn dennoch für den Täter. Außer seiner Frau und seinen Söhnen, die unerschütterlich zu ihm halten.

Dann geschieht ein zweiter Mord und wenig später steht das Haus der Simonsmeyers in Flammen und vier Menschen kommen darin ums Leben.

Doro Kagel, eine Berliner Gerichtsreporterin, die Fans der Krimis von Eric Berg bereits aus dem Roman „Das Nebelhaus“ kennen, hatte während des Prozesses recherchiert und einen ausführlichen Artikel geschrieben. Kurz vor dem Brand hatte Bettina, Holgers Frau, Doro angerufen und verzweifelt um ihre Hilfe gebeten. Doch Doro war dieser Bitte nicht nachgekommen. Nun drängt ihr schlechtes Gewissen sie, wieder nach Usedom zu kommen und nachzuforschen.

Dabei begegnet sie dem Staatsschutzbeamten Carsten Linz, der vor Ort wegen des Brandes ermittelt. Sich gegenseitig unterstützend und ergänzend versuchen sie, das Beziehungsgeflecht des engen Dorfes zu durchschauen und die Hintergründe der Taten zu verstehen. Doro beschäftigt sich bei ihren Recherchen vor allem mit Gedichten des ersten Opfers, die sie zu entschlüsseln versucht.

Abgesehen von der perfekten Inszenierung, dem stetigen Wachsen der Spannung und der Lockung des Lesers auf immer wieder falsche Spuren ist der Roman auch im Hinblick auf Setting und Personaltableau absolut gelungen. Die Beschreibungen der Landschaft auf Usedom machen die Einsamkeit und die ursprüngliche Natur fast greifbar. Und die Charaktere sind wunderbar gezeichnet und fein herausgearbeitet. Vielleicht mit Ausnahme von ausgerechnet der Protagonistin Doro Kagel, die mir ein wenig zu blass ist.

Aber wie Eric Berg insbesondere die Jugendlichen des Dorfes darstellt: Finn, den Sohn des verdächtigten Holgers, Ben-Luca, seinen besten Freund und Sohn des ältesten Freundes von Holger,  dessen Cousine Tallulah, Schwester des ersten Opfers und nicht zuletzt Amrita, die Tochter des indischen Restaurantbesitzers – alle um die 18 Jahre alt und, typisch für dieses Alter, zerrissen, unsicher und leicht verletzbar – das ist für mich die Hohe Kunst der Schriftstellerei. Der Autor schafft es, den jungen Leute so nah zu kommen, dass man ihm alle Handlungen, die er ihnen zuschreibt, abnimmt. Hier passt alles, hier sitzen die Dialoge und die Emotionen, die er mit großem Einfühlungsvermögen und viel Verständnis in Worte zu fassen vermag.

Und dann sind da noch die Bigotten, die Hetzer, die im Dorf eine Art Bürgerwehr gründen, vorgeblich zum Schutz der jungen Frauen, in Wahrheit um die Familie Simonsmeyer aus dem Ort zu vertreiben. Das geht vom Kapern der Webseite des Hotels über das Verprügeln des kleinen Sohnes der Familie bis zum Einsatz von Elektroschockern. Daran beteiligt ist auch eine neue Partei, die sich nach und nach dort etabliert (Ähnlichkeiten mit real existierenden Parteien sind sicher nur reiner Zufall …). Auch diesen Aspekt, Selbstjustiz, Aufwiegelei und die Verwandlung „braver“ Bürger in einen hetzenden Mob schildert Eric Berg mit klaren Worten und deutlichen Bildern.

Wie unschwer zu erkennen ist, bin ich von diesem Krimi wirklich angetan, in jedem Fall sehr viel mehr als von dem vor kurzem von mir rezensierten Roman „Totendamm“ desselben Autors. Viel darf man ja gerade bei diesem Genre in einer Rezension nicht aus der Handlung verraten, von daher kann ich nur wirklich empfehlen: Lesen Sie selbst.

Eric Berg: Mörderinsel.
Limes, März 2020.
480 Seiten, Taschenbuch, 15,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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