Emily St. John Mandel: Das Glashotel

Als Vincent 13 Jahre alt ist, kehrt ihre Mutter nicht von einem Ausflug mit dem Kanu zurück. War es ein Unfall oder wollte sie es so? Keiner kann das sagen. Vincents Vater ist beruflich viel unterwegs und so zieht sie von ihrer Heimat Caiette, einem verlassenen Ort an der Westküste Kanadas, der nur mit dem Boot erreichbar ist, zu ihrer Tante in die Stadt. Doch so bald wie möglich will sie auf eigenen Füßen stehen und nimmt sich ein paar Jahre später gemeinsam mit einer Freundin eine Wohnung in einem heruntergekommenen Viertel. Geld ist Mangelware, doch sie schafft es, sich durch Jobs in Bars über Wasser zu halten.

Eines Tages taucht ihr älterer Halbbruder Paul bei ihr auf, ein Außenseiter, der nur schlecht Anschluss findet und für eine Weile untertauchen muss. Vincent hat jahrelang nichts von ihm gehört. Finanzwissenschaft studiert er nur, um seine Mutter zu beruhigen, nachdem er schon einige Entziehungskuren hinter sich hat. Aber er ist weder motiviert noch begabt. Am liebsten möchte er Musik machen. Und er will mit seiner Traumfrau Annika zusammen sein, die ihn kaum eines Blickes würdigt. Als er Annika und ihren Band-Kollegen in einem Club ein paar Pillen anbietet, hat das üble Folgen.

Doch Pauls Besuch bei Vincent bleibt ein kurzes Gastspiel. Jahre später treffen sie sich wieder in Caiette, wo es jetzt ein Fünf-Sterne-Hotel mitten in der Wildnis gibt, in dem beide Arbeit finden. Vincent lernt den Besitzer Jonathan Alkaitis kennen. Sie trifft mit ihm eine Vereinbarung, die sie innerhalb kurzer Zeit in das „Königreich des Geldes“ katapultiert, in dem sie nur ihre Kreditkarte schwenken muss, um ihre Wünsche erfüllt zu bekommen.

Die Geschichte ist so vielschichtig und spannend, dass ich gar nicht mehr darüber erzählen möchte. Das Buch beginnt mit Vincent im Ozean und es endet mit Vincent im Ozean. Dazwischen stehen Episoden aus ihrem Leben und aus den Leben anderer Protagonisten: Paul, der seit seiner Jugend mit Drogenproblemen zu kämpfen hat, der Schuld auf sich lädt, um dazu zu gehören und Erfolg zu haben, aber deshalb mit stets schlechtem Gewissen durch die Zeit trudelt. Jonathan Alkaitis, der zunächst angesehene Investor, dessen dubioses Geschäftsmodell nach dem Zusammenbruch viele Anleger in die Armut reißt und dessen Realitätsbezug mehr und mehr verschwimmt. Leon Prevant, der in der Schifffahrtsbranche tätig ist und dessen Alterssicherung sich von einem Tag auf den anderen in Luft auflöst. Oder Walter, der Nachtmanager des Hotels Caiette, der lernt, die Einsamkeit zu lieben.

Sie alle brechen immer wieder neu auf, müssen oder wollen ihre Pläne ändern, haben vielleicht gar keine Pläne und lassen sich treiben, suchen gleichzeitig nach Wurzeln und Heimat, aber auch nach Freiheit und Autonomie.

In unterschiedlichen Variationen zeigt die Autorin Emily St. John Mandel die Vielfalt des Lebens, lässt ihre Protagonist*innen gedanklich oder in der Realität alternative Leben entwerfen oder zieht sie in „Gegenleben“ hinein. Dabei schreckt sie auch vor „Auftritten“ von ruhelosen Geistern nicht zurück.

Die einzelnen Erzählstränge bewegen sich auf unterschiedlichen Zeitebenen und scheinen auseinander zu laufen, doch die Kreise schließen sich häufig wieder an unerwarteten Stellen. Das Hotel Caiette stellt einen Kristallisationspunkt dar, an dem Ereignisse ausgelöst werden, die weitreichende Folgen haben.

„Man kann in jeder beliebigen Geschichte so viel auslassen“, heißt es im Kapitel „Variationen“. So ist es auch in diesem Roman. Vieles bleibt ungesagt, wird der Fantasie der Leser*innen überlassen oder bildet eine Leerstelle zwischen den Zeilen und Absätzen. Und trotzdem ist alles da, was man für ein besonderes Leseerlebnis braucht.

Emily St. John Mandel hat mit „Das Glashotel“ einen herausragend komponierten und mitreißend erzählten Roman geschrieben, dessen Personal haften bleibt. Bernhard Robben hat ihn aus dem Englischen übersetzt.

Ich kann „Das Glashotel“ allen wärmstens empfehlen, die Literatur auf hohem Niveau in einem spannenden Gewand mögen.

Emily St. John Mandel: Das Glashotel.
Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben.
Ullstein, August 2021.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 23,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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