Emily Fridlund: Eine Geschichte der Wölfe

Emily Fridlund ist eine US-amerikanische Autorin, die bisher überwiegend Kurzgeschichten, Erzählungen und Gedichte geschrieben hat. Ihr Debüt-Roman „Eine Geschichte der Wölfe“ ist am 19. März 2018 in einer Übersetzung von Stephan Johann Kleiner im Berlin Verlag erschienen. Die amerikanische Ausgabe „History of Wolves“ war für den Man Booker Prize 2017 nominiert.

„Eine Geschichte der Wölfe“ erzählt von der 14jährigen Linda, die bei ihren Eltern, zwei ehemaligen Hippies, in Minnesota aufwächst. In der Schule gilt Linda aus Außenseiterin. Sie wird „Freak“ genannt. Mit den Hockeyspielern, Cheerleadern, den „begabten und talentierten Kinder“ kann Linda nichts anfangen und die anderen nichts mit ihr. Linda fährt im Kanu über die Seen, fängt Barsche und nimmt sie aus, sie spaziert durch die Wälder, sie kümmert sich um die Hunde. Bis Mr Grierson, der neue Geschichtslehrer, an die Schule kommt, als Ersatz für den verstorbenen Mr Adler, der immer nur von den russischen Zaren erzählte. Mr Grierson bittet Linda, als Vertreterin der Schule an einer Geschichtsodyssee teilzunehmen. Linda bekommt den Originalitätspreis für ihre „Geschichte der Wölfe“. Linda beobachtet Mr Grierson und ihre Mitschülerin Lily Holburn genau. Später wird Mr Grierson gefeuert und Lily verschwindet.

Linda wird Babysitterin bei dem kleinen Paul Gardner, der mit seinen Eltern Patra, die eigentlich Cleo heißt, und Leonard in eine der Hütten am See eingezogen ist. Leo ist Wissenschaftler und beginnt eine Forschungsarbeit auf Hawaii. Linda fühlt sich zu Patra hingezogen, Paul ist ein seltsames Kind. Als Leo zum Memorial Day nach Hause zurückkehrt, kommt es nach einem Ausflug zu einem Hafenfest in Duluth zu einer Katastrophe. Linda fragt sich auch noch Jahre später nach ihrem Anteil an der Familientragödie.

Emily Fridlund ist ein beeindruckendes Romandebüt gelungen. Als Lesende kann ich mich dem Sog der Geschichte nicht entziehen. Wie gebannt lese ich Seite um Seite. Die Protagonistin Linda ist sowohl als Teenager als auch als erwachsene Frau überzeugend. Aufbau und Plot dramatisch. Die Sprache unverbraucht:

„Die Tiere glänzten silbrig unter dem Wind. Ihre rosa Ohren zuckten… Dann verschwanden sie über den Bergrücken, die weißen Schwänze erhoben. Sie hüpften mit dieser mechanischen Eleganz, die Tiere an sich haben – Grashüpfer und Vögel -, so als könnte nichts als der Tod den repetitiven Rhythmus ihrer Bewegung unterbrechen. Äste ließen alten Regen auf uns niederprasseln. Wir waren allein.“ (Seite 66/67)

Fridlund erzeugt eine Gänsehaut-Atmosphäre. Es schwebt viel Unausgesprochenes und Angedeutetes in der Luft, was beim Lesen böse Vorahnungen und Spannung erzeugt.

Sie unterteilt ihren Roman in zwei Kapitel „Wissenschaft“ und „Gesundheit“ analog zu der Schrift von Mary Baker Eddy „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“, der Gründerin einer christlichen Freikirche, deren Mitglied die Familie Gardner ist. Unvermittelt streut sie Beschreibungen einer Gerichtsverhandlung, in der Linda als Zeugin gehört wird, ein. Fridlund verwebt erzählerisch geschickt Lindas Teenager- und ihre spätere Erwachsenenzeit und verknüpft die zwei Erzählstränge um Mr Grierson und Lily mit dem um Linda und die Familie Gardner.

Was ist das zwischen Mr Grierson und Lily Holburn? Wer lügt und wer sagt die Wahrheit? Wie wächst ein Teenager zwischen grenzenloser Freiheit und haarsträubender Vernachlässigung heran? Welche Verantwortung tragen Kinder für Erwachsene? Und nicht zuletzt, was ist der Unterschied zwischen elterlicher Liebe und Kindeswohlgefährdung?

„Eine Geschichte der Wölfe“ stellt grundsätzliche Fragen nach der Schuld und der Verantwortung von Menschen für ihr Handeln oder ihr Unterlassen.

Emily Fridlund beschreibt in „Eine Geschichte der Wölfe“ eindrücklich, wie sich elterliche Überzeugungen, Dogmen und Glaubenssätze auf das Leben ihrer Kinder auswirken mit teils lebenslangen, teils tödlichen Konsequenzen. Die Geschichte von Linda, Paul, ihren Eltern, Mr Grierson und Lily geht unter die Haut. Sie ist nicht nur eine Coming of Age – Geschichte, sondern ein Lehrstück über Moral, Ethik und Verantwortung, in dem die Kinder die besseren Erwachsenen zu sein scheinen.

Bitte lesen!

Emily Fridlund: Eine Geschichte der Wölfe.
Berlin Verlag, März 2018.
384  Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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