Elif Shafak: Unerhörte Stimmen

Im November 1990 liegt Tequila Leila am Stadtrand von Istanbul in einer Mülltonne. Entsetzt muss sie feststellen, dass ihr Herz nicht mehr schlägt und dass sie nicht mehr atmet. „So sehr sie es auch drehte und wendete – sie war tot.

Doch ihr Geist ist noch aktiv und in den nächsten 10 Minuten und 38 Sekunden erinnert sie sich an Stationen ihres Lebens: an ihre Geburt im Januar 1947, an ihre Tante (die eigentlich ihre Mutter und die zweite Frau ihres Vaters ist), an ihren Vater (der als Schneider Kleider im europäischen Stil näht, „die seine eigenen Angehörigen niemals hätten tragen dürfen“), an ihre Mutter (die eigentlich die erste Frau ihres Vaters ist, aber keine Kinder bekommen kann) und an das heimatliche Dorf in Ostanatolien, in dem die Nachbarsfrauen nach der Geburt die Nabelschnur aufs Schulhausdach werfen, damit aus dem kleinen Mädchen eine Lehrerin wird.

Doch das menschliche Gedächtnis war nun einmal wie ein Nachtschwärmer, der zu tief ins Glas geschaut hatte. Auch mit größter Anstrengung konnte es nicht gerade gehen, sondern torkelte, oft im Zickzack, durch ein kompliziertes Labyrinth, ohne jede Vernunft und stets kurz vor dem Zusammenbruch.“

Aus diesem Grund springen auch Leilas Gedanken hin und her. Sie wandern zu „Rabenmutter“ und ihrem Bordell, in dem Leila ihr Geld verdient hat, zu einem Sommer am Meer mit der Familie, der ihr Leben verändert hat und zu den fünf Menschen, die ihr nach ihrer Flucht nach Istanbul ihre Freundschaft geschenkt haben: Sabotage Sinan, Nostalgie Nalan, Jamila, Zaynab122 und Hollywood Humeyra. An ihnen hängt ihr Herz; und natürlich an ihrer großen Liebe D/Ali.

Als Leilas Geist die Arbeit aufgibt und ihre Leiche gefunden wird, sehen es diese fünf Freunde auch als ihre Aufgabe an, dafür zu sorgen, dass Leilas Körper angemessen bestattet wird. Doch sie sind keine Verwandten und haben keine Rechte. Außerdem stehen sie – bis auf Sinan – am Rande der Gesellschaft, werden misstrauisch beäugt oder sogar beschimpft. Wie also die Sache angehen? Nalan hat eine Idee, die die Freunde noch enger zusammenschweißen wird.

Elif Shafak ist in den letzten Jahren zu einer meiner Lieblingsautorinnen geworden. Der preisgekrönten Autorin, deren Bücher in über 50 Sprachen übersetzt wurden, ist mit „Unerhörte Stimmen“ wieder ein Roman gelungen, den ich kaum aus der Hand legen konnte. Fantasievoll, detailreich, sinnlich und mitreißend erzählt sie die Geschichten von Leila und ihren Freunden. Dass wir sie auf Deutsch genießen können, verdanken wir der Übersetzerin Michaela Grabinger. Dabei streift Elif Shafak wie nebenbei die politische und gesellschaftliche Situation in der Türkei zwischen 1947 und 1990 und bindet ihre Protagonisten in die Geschehnisse ein. Obwohl „Unerhörte Stimmen“ auch von Prostitution, Missbrauch, Gewalt und Extremismus handelt, von Menschen, denen das Schicksal oder die anderen Menschen übel mitspielen, ist es ein Buch das mich positiv stimmt. Es nimmt die Nöte und Probleme von Leila und ihren Freunden ernst, behandelt sie würdevoll, führt sie nie vor und ist doch wunderbar leicht, oft mit einem Augenzwinkern geschrieben.

Im Mittelpunkt steht die Freundschaft, die Halt gibt in schweren Zeiten, in denen man meint, das Glück hätte einen verlassen, die ihre ganz eigene Weisheit hat und das Leben ein großes Stück besser, manchmal sogar erst erträglich macht.

Nostalgie Nalans Ansicht nach gab es zwei Arten von Familien: die Blutfamilie, bestehend aus den Verwandten, und die Wasserfamilie, das waren die Freunde.“ Und manchmal ist Wasser eben doch dicker als Blut.

„Unerhörte Stimmen“ ist mein bisheriges Highlight in diesem Jahr und derzeit ist nichts in Sicht, was es für mich toppen könnte. Deshalb eine klare Empfehlung von mir: lesen und abwechselnd schmunzeln, feuchte Augen bekommen, wütend werden und staunen.

Elif Shafak: Unerhörte Stimmen.
Kein & Aber, Mai 2019.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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Ein Kommentar zu “Elif Shafak: Unerhörte Stimmen

  1. Hallo,

    da fragt man sich, wie viele Nabelschnüre immer auf dem Schuldach liegen…

    Das klingt nach einem großartigen Buch! Es steht schon auf meiner Wunschliste, aber jetzt wandert es auf die „Möglichst bald lesen“-Liste.

    LG,
    Mikka

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