Elena Ferrante: Zufällige Erfindungen

Elena Ferrante kennt man bislang von mehreren erfolgreichen Romanen – unter anderem der vierbändigen Neapolitanischen Saga, die ihr eine weltweite Fangemeinde beschert hat. Dass Ferrante auch die Kunst der kurzen Geschichten beherrscht, zeigt sie in ihrem neuesten Buch „Zufällige Erfindungen“. Hierin liest man 52 Kolumnen, die sie ein Jahr lang vom Januar 2018 bis Januar 2019 jede Woche für den britischen Guardian verfasst hat. Aus einer Liste mit Themenvorschlägen hat sie sich spontan ausgesucht, über was sie schreiben wollte. Die Situation, sich zum Schreiben verpflichten zu lassen und sich durch die vorgegebene Form auch noch auf ein Minimum zu beschränken, war für die Romanschreiberin Elena Ferrante neu. Dennoch hat sie sich darauf eingelassen.

Den Kolumnenanfang macht die Schilderung eines ersten Mals. Das Ende des Buchs bezieht sich auf die Geschichte von einem letzten Mal. Dazwischen schreibt sie über unterschiedlichste Themen (einige der Titel lauten „Töchter“, „Zittern“, „Schlaflos“, „Schlechte Stimmungen“, „Lügen“, „Vegetation“, „Eifersucht“…). Immer wieder befasst sie sich mit dem Thema Schreiben. Einmal geht es um das Tagebuchschreiben, was Elena Ferrante (wie die Leser, die sie von ihren Romanen her kennen, wissen) selbst praktiziert. Unter anderem geht daraus hervor, dass die Autorin im Tagebuch alles aufschrieb, was sie lieber verschwiegen hätte und sich dabei auch eines Wortschatzes bediente, den sie nie in den Mund genommen hätte. Oder man liest, wie ihr Tagebuch selbst zu einer Erfindung wurde, weil sie ihre unaussprechlichsten Wahrheiten in erfundene Geschichten umlenkte. Im Text „Dichtung, Wahrheit“  schreibt Ferrante, dass jedes literarische Schreiben durch seine ureigene Künstlichkeit immer auch zur Fiktion führt. Im Text „Ausgrabungen“ lesen wir im Schlusssatz, dass zum Schreiben und Erzählen Fiktionen gehören, die uns das Leben verständlich machen.

In diesen vielfältigen kurzen Geschichten glaubt man, der Wahrheit über die Schriftstellerin, die sich 1992 dazu entschieden hat, anonym zu bleiben, nun doch ein Stück näher gekommen zu sein. –  Oder ist am Ende alles wiederum nur eine literarische Fiktion?

Jede Geschichte ist mit einer passenden Illustration von Andrea Ucini versehen. Die Übersetzung vom Italienischen ins Deutsche stammt von Karin Krieger.

Elena Ferrante: Zufällige Erfindungen.
Suhrkamp, Februar 2021.
219 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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