Elena Ferrante: Tage des Verlassenwerdens

Die Originalausgabe von „Tage des Verlassenwerdens“ erschien  bereits 2003 und ist Elena Ferrantes zweiter Roman. Schon nach wenigen Zeilen ist man gefangen in der traurigen Geschichte mit einer unglücklichen Protagonistin, die bis zum Ende nicht mehr loslässt.

Diesmal nimmt Ferrante uns mit in die Tiefen des Gemütszustandes einer verlassenen Frau. Die achtunddreißigjährige Olga lebt mit ihrer Familie in Turin. Mit ihrem Mann Mario ist sie seit fünfzehn Jahren glücklich verheiratet, die beiden haben zwei Kinder, einen Hund, eine schöne Wohnung. Olgas Leben und das ihrer Familie ist intakt, bis Mario sich für eine jüngere Frau entscheidet und die Familie verlässt. Damit bricht eine Welt für  Olga zusammen, denn damit hatte sie niemals gerechnet. Von einem Tag auf den anderen steht sie mitten in einem Scherbenhaufen. Von nun an durchlebt Olga einen schmerzhaften Prozess, bei dem die Leser alle Stationen ihrer Krise, das ganze Elend physischer und psychischer Zerrüttung in ihren Einzelteilen mitfühlen.

Anfangs versucht sie, die Situation zu negieren, bis sie mehr und mehr leidet. Sie stürzt in einen Abgrund und durchlebt Phasen, in denen sie sich nicht nur alleingelassen, sondern vor allem gedemütigt, gekränkt und wütend fühlt. Alles, was ihrem Leben Sinn gegeben hat, ist  weggebrochen. Zeitweise schleppt sie sich nur noch lethargisch durchs Leben, vernachlässigt die Kinder und sich selbst. Ihre Gefühle für Mario wechseln von Sehnsucht in Hass. Schmerzlich muss sie sich eingestehen, dass sie für Marios Karrierelaufbahn ihr eigenes Leben und berufliches Fortkommen hintangestellt hat. Zu all ihrem inneren Aufruhr kommen weitere Probleme hinzu. Der Hund stirbt elendiglich, ihr kleiner Sohn erkrankt und Olga hat guten Grund zu glauben, dass sie die Schuld daran trägt.

Doch Olga wäre nicht Elena Ferrantes Protagonistin, würde sie am Ende des Tunnels nicht zum Licht vordringen, wo eine Veränderung wartet.

Elena Ferrantes Sprachgewalt geht unter die Haut. Psychologisch eindringlich und sensibel legt sie die Seele ihrer Protagonistin offen und lässt die Leser mitfühlen als seien sie dabei.

Elena Ferrante: Tage des Verlassenwerdens.
Aus dem Italienischen übersetzt von Anja Nattefort.
Suhrkamp, Februar 2022.
252 Seiten, Taschenbuch, 12,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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