Eduardo Rabasa: Der schwarze Gürtel

Für Fernando bedeutet der Schwarze Gürtel einfach alles. Er steht für den erfolgreichen Abschluss einer langen Bewährungsprobe und den Beginn einer machtvollen Karriere. Diese Auszeichnung verleiht der Chef der Beratungsfirma ‚Soluciones‘, der über Lautsprecher unverständliche Anweisungen gibt.

Jeden Tag erfahren Fernando und seine Kollegen über die elektronische Anzeigetafel ihren aktuellen Platz in der Hierarchie und wo sie arbeiten sollen. Diesem Konkurrenzdruck hält Fernando nur stand, in dem er seine Nerven mit Tabletten und Alkohol beruhigt. Eine weitere Unterstützung findet er bei dem Hausmeister Dromundo. Egal, wie seltsam Fernandos Befehle anmuten, Dromundo springt, riskiert mal seine Gesundheit oder sein Leben und trägt auf diese Weise Fernando von einem Erfolg zum nächsten. Trotzdem wird Fernando plötzlich entlassen.

In seinem Karriererausch erklärt er der Chefsekretärin Aspen: »… wenn ich meine Arbeit wiederbekomme, töte ich in mir jede Sentimentalität ab, die der maximalen Effizienz zur Erreichung meiner Ziele abträglich ist.« (S. 284) Sein Wunsch wird erhört und je erfolgreicher er wird, um so weiter entfernt er sich von seiner Frau Karla und dem Mann, der er einst war.

Eduardo Rabasa wurde 1978 in Mexiko-Stadt geboren. Als Verleger, Autor, Übersetzer und Journalist hat er sich inzwischen einen Namen gemacht und zählt zu den 39 besten lateinamerikanischen Schriftstellern (unter vierzig). »Der Schwarze Gürtel« ist sein zweiter Roman, in dem er alles stark überzeichnet. In Fernandos Erleben wird das Streben nach dem Superlativ zur Normalität. In dieser Welt gibt es viele Verlierer und nur wenige Gewinner. Deshalb opfert der Kommerz die Würde der Menschen, wenn zum Beispiel Notleidende ausgestellt und für das künstlerische Geschäftsmodell ‚arm und sexy‘ vermarktet werden.

Die Stärke des Romans dürfte der besondere Charakter Dromundo sein, der eine Ein-Mann-Gewerkschaft gegründet hat und vor leeren Stuhlreihen für ein Leben kämpft, das endgültig vergangen ist. Der hilfsbereite Hausmeister wird von Fernando geschlagen, verhöhnt, drangsaliert und immer wieder für die seltsamsten Eskapaden geopfert. Und weil Fernando stets mit dem Versprechen ködert, wenn ich den Schwarzen Gürtel habe, dann nehme ich dich mit nach oben, hält Dromundo aus.

Die schön erzählten Rückblenden aus Fernandos Kindheit und Jugend zeigen einen stillen, sympathischen Jungen mit Wünschen und Hoffnungen. Das Hier und Jetzt in der Firma Soluciones hat dagegen nichts Schönes mehr. Weder angenehme Menschen noch ein entsprechendes Leben. Die Überzeichnung erlaubt keine schönen Momente. Weder im Büro noch in der Kunst. Fernandos Kunde, ein von sich selbst überzeugter Schriftsteller präsentiert sich als unverstandenes Genie, »… während hergelaufene Schreiberlinge, die in den Genuss des Marketings kamen, von den Massen gefeiert wurden, die intellektuell nicht in der Lage sind, von sich aus zwischen Stroh und Gold zu unterscheiden.« (S. 347)

Der Autor prangert indirekt die Welt der Menschenhasser an. Manches ist sicherlich nicht ernst gemeint und soll als derber Witz verstanden werden. Aus diesem Grund kann der hochaktuelle, bitterböse »Schelmenroman« nicht jedem Leser gefallen, auch wenn der Volksmund sagt: Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Eduardo Rabasa: Der schwarze Gürtel.
Verlag Antje Kunstmann, Februar 2018.
368 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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