Edna O’Brien: Das Mädchen

Ich schluckte meine Tränen herunter, schämte mich. Was war mit dem Mädchen passiert, das ich einmal gewesen war. Es war fort. Ich hatte keine Liebe mehr in mir. Ich wollte sterben. Ich will sterben, flüsterte ich.“ (Zitat Kapitel „Buki und ich standen vor der Hütte …“)

Es ist ein Tag wie jeder andere. Maryam, die in Nigeria lebt, will ihre Schulprüfung ablegen. Doch dann werden die fünfzehn Mädchen von Kämpfern der Boko Haram entführt und ein Martyrium beginnt für die Mädchen. Maryam schafft es schließlich nach vielen Monaten durch die Hölle, den Kämpfern zu entkommen. Doch damit ist nicht alles wieder gut. Sie hat ein Kind von einem der Kämpfer und ist auch sonst eine gebrochene junge Frau. Ob ihre Verwandten sie mit offenen Armen empfangen?

Selten wollte ich ein Buch abbrechen, weil es so gut ist. Bei „Das Mädchen“ war ich mehrmals kurz davor. Das Geschriebene geht tief unter die Haut und vor allem das erste Drittel ist extrem harte Kost. Man kann sich dem Geschehen nicht entziehen und ringt mehrmals mit Fassung. Es ist unerträglich, was mit Maryam und den entführten Mädchen passiert. Im Rahmen der Danksagung geht die Autorin darauf ein, wie sie zu dem Stoff des Romans gekommen ist. Die Irin Edna O’Brien (Jahrgang 1930!) ist für skandalbehaftete, aufrüttelnde Lektüre bekannt. Im Alter von 90 Jahren reiste sie nach Nigeria, um die Wahrheit über die von Boko Haram entführten Mädchen zu berichten. Den genauen Reiseweg und einige Erlebnisse kann man am Ende des Buches nachvollziehen.

Und genau das macht „Das Mädchen“ auch so besonders. Man spürt immer wieder, dass der Geschichte wahre Geschichten und Erlebnisse zugrunde liegen. Immer wieder kommen auftauchende Figuren in der Ich-Perspektive zu Wort und beschreiben ihre Erlebnisse in einem von Terror erschütterten Land. Man ist den Menschen dabei ganz nah, es gibt keinen Filter, den Edna O’Brien dem Ganzen auflegt.

„Inmitten all des Betens und Lamentierens, der ganzen Heuchelei, kam eine Schwärze in meinem Inneren auf. Ich ging darauf zu. Nahm sie an. Begab mich hinein, und alles wurde schwarz.“ (Zitat Kapitel „Mama zerrte mich aus dem Bett …“)

Immer wieder wird eine tiefe Verzweiflung in Maryam deutlich. Aber eben auch ein Funke Hoffnung. Sie gibt sich nicht völlig auf, ist tapfer und zäh und schafft schließlich die Flucht mit der in der Gefangenschaft gewonnenen Freundin Buki und dem Baby Babby. Zu Babby besteht auch eine interessante Beziehung. Sie ist das Kind von Maryam und einem der Kämpfer. Es gelingt Maryam trotz ihrer Abneigung gegen das Kind nicht, es hinter sich zu lassen. Und so sind Babby und sie untrennbar miteinander verbunden, obwohl die Kleine sie ständig an das erlebte Martyrium erinnert.

„Das Mädchen“ ist großartig, geht ganz tief unter die Haut und lässt sich dort so schnell nicht mehr vertreiben!

Edna O’Brien: Das Mädchen.
Hoffmann & Campe, März 2020.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 23,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Janine Gimbel.

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Ein Kommentar zu “Edna O’Brien: Das Mädchen

  1. Hallo,

    da klingt wirklich nach einem Roman, der alles andere als leichte Kost ist und dem Leser an die Nieren geht – aber die Rezension hat mich neugierig gemacht, es klingt so, als würde sich das lohnen.

    LG,
    Mikka

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