Dragana Oberst: Jenseits der weißen Linie

dragaJana ist noch keine sieben Jahre alt, als sich ihr Leben schlagartig ändert. Der Vater verschwindet quasi über Nacht, die Mutter wandert nach Deutschland aus, um Geld zu verdienen. Der Familienrat beschließt, dass der elfjährige Bruder in ein Internat geht, während Jana bei der armen Großmutter in einem kleinen serbischen Dorf leben soll.
Das Jugoslawien der sechziger Jahre wird von Tito geprägt. Um ihn zu ehren, lernt sie zusammen mit den anderen Schulkindern regelmäßig Lobgedichte, die sie auf politischen Festakten vorträgt. Im Laufe der Jahre muss Jana lernen, dass jeder, der irgendwie aus dem gesellschaftlichen Gefüge ausbricht, am Rande der Gemeinschaft lebt. Und sie lernt, dass Fleiß und gute Noten nicht immer ausreichen, um dazuzugehören.
Die Autorin Dragana Oberst, geboren 1955 im Südwesten Serbiens, hat mit ihrem autobiografischen Roman „Jenseits der weißen Linie“ auf eine sehr poetische Weise eine traurig-schöne Kindheitsgeschichte erzählt. Immer wieder verleitet ihre Erzählkunst, zum erneuten Lesen einzelner Sätze, in denen Erfahrungen und Gefühle mitschwingen:
„… Er (Anm.: der Fluss Toplica) war Zeuge meiner ersten Versuche, zu schwimmen, erst an seinen steinigen, flachen Stellen, später auch in seinen unberechenbaren Tiefen … Mitunter erlebte er mich mit Tränen in den Augen, wenn ich keine Antwort auf schmerzliche Fragen hatte, darüber, wozu ich da war und zu wem ich gehörte, und woraus der dunkle Schatten bestand, der immer wieder auf unser Leben fiel.“ (S. 68)
Dieser Schatten beziehungsweise der Bereich jenseits der weißen Linie zeigte Jana häufig, dass es zwischen den Menschen ein Hier und ein Dort gab. Manchmal reichte schon ein neues Kleid, um mit einer Ohrfeige ins „Dort“ katapultiert zu werden.
Seit 1970 lebt die Autorin Dragana Oberst in Deutschland und arbeitet als freie Übersetzerin. In ihrem kleinen, äußerst feinen Roman übersetzt sie ebenfalls: eine traurige Kindheit in wunderbare Erzählkunst, die immer wieder tröstlich zu stimmen vermag. Selten ist Trauriges so schön verpackt worden.

Dragana Oberst: Jenseits der weißen Linie.
A1 Verlag, August 2014.
112 Seiten, Gebundene Ausgabe, 16,80 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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