Doris Knecht: Die Nachricht

Zunächst einmal ist der Titel des Romans irreführend, denn die Hauptfigur erhält nicht eine, sondern sehr viel verstörende Nachrichten. Und diese beleidigenden Nachrichten erreichen nicht nur sie, sondern auch ihre Familie, ihre Freunde und Kollegen.

Doris Knecht, eine vielfach ausgezeichnete österreichische Autorin, ist bekannt für ihre sehr eigene Sprache. Diese kommt im vorliegenden neuen Buch wieder zum Ausdruck. Die Protagonistin Ruth, eine seit vier Jahren verwitwete, selbstbewusste Frau und Mutter, lebt in einem einsam gelegenen alten Holzhaus. Ihre Söhne und ihre Stieftochter sind mehr oder weniger erwachsen  und gehen ihre eigenen Wege. Ruth hat eine neue Beziehung begonnen mit Simon, eine On-Off-Beziehung. Sie wäre bereit zu mehr, zu einem engeren, festeren Verhältnis, doch er zieht sich immer wieder von ihr zurück.

Da beginnen die Nachrichten. Über verschiedene Kanäle – Facebook, Messengerdienste und so weiter – erhält sie widerwärtige Texte, beleidigend, bedrohlich. Und die Herkunft der Nachrichten erschließt sich ihr nicht, stets sind die Absendernamen erfunden und nicht rückverfolgbar. Der Absender oder die Absenderin kennt Ruth aber offensichtlich sehr gut, erwähnt Dinge in den Mitteilungen, die kaum jemand von ihr weiß außer den ihr sehr Nahestehenden.

Ruth verdächtigt die frühere Geliebte ihres Mannes, lässt sich diesen Verdacht lange nicht ausreden. Sie versucht, die Nachrichten zu ignorieren, doch sogar ihre Kinder bekommen solche widerlichen Texte zugeschickt.

Sympathisch wurde mir die Protagonistin nicht während der Lektüre. Sie ist spröde, kühl, gesammelt, hält die Leserin auf Distanz. Das erschwert es, Mitgefühl mit ihr zu haben, ihre Ängste beim Erhalt dieser Nachrichten nachzuempfinden. Überhaupt sind alle auftretenden Figuren Teil eines sehr elitären Umfelds, alle sind Intellektuelle, die sich mit Luxusproblemen beschäftigen. So fiel es mir schwer, mich in die meisten der Figuren einzufühlen. Die Gespräche Ruths mit ihren Freunden sind oft belanglos, ziellos, inhaltsleer – so wie ihr gesamtes Leben leer zu sein scheint. Das jedoch drückt die Autorin geschickt aus in ihrer unprätentiösen, kühlen, distanzierten Sprache.

Irritiert haben auch die ständig neuen auftretenden Personen, immer wieder traf Ruth neue, andere Bekannte, deren Beziehungsstatus zu ihr sich nicht leicht erschloss. Auch, dass die in Ich-Form erzählte Geschichte in vielen, nicht chronologischen Rückblenden dargestellt wird, macht die Lektüre nicht einfacher.

Andererseits ist der Charakter der Hauptfigur schon interessant und facettenreich. Im Grunde geht Ruth mit den Nachrichten recht souverän um, trotz ihrer Ängste legt sie großen Wert auf ihre Unabhängigkeit, ihre Freiräume. Sie lebt ihr eigenes Leben, schafft sich ihre „Alleinheit“, ein Wort, das in meinen Augen hier besser passt als das Wort Alleinsein. „Ich hatte ein großes Bedürfnis nach Aufgeräumtheit, nach leerer Luft, nach Übersicht und einer zuverlässigen Ordnung, jedes Ding an seinem Platz, nach einer Ruhe des Blicks.“ (S. 147).

Der Roman ist vielmehr ein ungewöhnliches Frauenporträt als ein spannungsgeladener Roman um anonyme Nachrichten. Spannung kommt auch deswegen nicht auf, weil man im Grunde sehr früh ahnt, wer der Urheber dieser Nachrichten ist. Trotzdem und trotz einer spröden, Distanz wahrenden Protagonistin eine interessante, lesenswerte Geschichte, vor allem wegen der klaren, schnörkellosen Sprache.

Doris Knecht: Die Nachricht.
Hanser Berlin, Juli 2021.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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