Doris Dörrie: Leben, schreiben, atmen: Eine Einladung zum Schreiben

Über rote Blumen schreiben, über große Pril-Flaschen, tiefgekühlte Erbsen oder Q-tips? Kein Problem für Doris Dörrie. Und sicher auch nicht für die Leserinnen und Leser ihres neuen Buches „Leben, schreiben, atmen“, die sich von ihr mitnehmen lassen in eine Welt voller Erinnerungen und Anregungen. Denn nichts ist zu gering, um als Inspiration für das eigene Schreiben dienen zu können.

Es geht dabei nicht darum, perfekt zu schreiben oder um etwas, das sich gut verkauft, sondern darum, sich selbst besser kennenzulernen und das eigene Leben bewusst wahrzunehmen.

Schreibend erinnere ich mich an mich selbst. Was ist in meinem Gehirn an Bildern und Tönen gespeichert, was für Erinnerungen an Menschen, Orte, Tiere, Gefühle? Jeder von uns ist einzigartig. Niemand hat genau die gleichen Erinnerungen an dieselbe Begebenheit.“ (Seite 10)

Sie rät dazu, einfach loszuschreiben, ohne nachzudenken und ohne anzuhalten. Wohin dieses freie Assoziieren führt, kann man vorher nie sagen. So kommt sie zum Beispiel vom Herbst mit seinen Kastanien zum Tennisclub, an dem sie als Kind immer mit der Straßenbahn vorbeigefahren ist, und zur braungebrannten Gabi, die viel mehr vom Leben wusste als die kleine Doris.

Alles kann als Anstoß dienen: Kinderbücher, Möbelstücke, Gefühle, Träume, Süchte, Verlorenes und Gefundenes, Reisen, Brot, Butter, Milch, Hochzeiten, Gespenster oder das „Warum“.

Dieser Ansatz ist nicht neu, aber Doris Dörrie verknüpft ihre Anregungen mit ihren eigenen Geschichten und gibt damit einen sehr persönlichen Einblick in ihr Leben, der an sich schon lesenswert ist. Es geht um Verlust und Trauer, aber auch um Freundschaft, Liebe und Glück. Durch das Schreiben sieht sie scheinbar Selbstverständliches aus einer anderen Perspektive und fördert Verschüttetes zutage.

Als Autorin und Dozentin für „creative writing“ weiß Doris Dörrie natürlich ganz genau, was sie tut und wie sie ihre „Einladung zum Schreiben“ formulieren muss, um die Leserschaft „einzufangen“. Aber ich nehme ihr auch ab, dass ihr das Thema wichtig ist, dass sie mit dem Herzen dabei und davon überzeugt ist, dass das Schreiben das Leben reicher machen und echte Hilfe leisten kann. Und da bin ich völlig ihrer Meinung.

In „Leben, schreiben, atmen“ steckt einiges drin: Doris Dörrie vereint ihre fachliche Kompetenz mit sehr viel Lebenserfahrung, zeigt sich offen und ehrlich. Die Geschichten über ihr Leben haben mich (im doppelten Sinne) mitgenommen und bewegt. Gleichzeitig hat sie in mir die Lust geweckt, selbst (wieder) mehr zu schreiben – ohne inneren Zensor im Kopf. Es braucht nicht viel und doch eine ganze Menge, um sich selbst, seiner Vergangenheit, seinen Gedanken und Gefühlen näher zu kommen: ein Blatt Papier, einen Stift und jeden Tag zehn Minuten ungestörte Zeit – aber auch eine gute Portion Mut. Denn man weiß nie, was einen erwartet.

Ich habe Doris Dörries Einladung zum Schreiben (und Lesen) angenommen und kann „Leben, schreiben, atmen“ allen empfehlen, die neugierig aufs Leben und auf sich selbst sind.

Doris Dörrie: Leben, schreiben, atmen: Eine Einladung zum Schreiben.
Diogenes, August 2019.
176 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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