Donal Ryan: Die Lieben der Melody Shee

Melody Shee ist schwanger. Doch nicht von ihrem Mann Pat, sondern vom 17jährigen Martin Toppy, der zu den Travellern, zum fahrenden Volk, gehört und dem sie Lesen beibringen sollte. Eine Racheaktion, eine Trotzreaktion, ein weiterer Tiefschlag von Melody gegen Pat und gleichzeitig ein verzweifelter Versuch, geliebt zu werden und zu lieben.

Denn ihre Ehe ist zerrüttet, gegenseitige Verletzungen sind an der Tagesordnung. Nach zwei (eigentlich sogar drei) Fehlgeburten hat sich Pat ohne Melodys Wissen sterilisieren lassen, weil er verhindern möchte, dass sie durch sein Zutun noch einmal die Schmerzen einer Fehlgeburt erleidet. Für Pat ein notwendiger, logischer Schritt, für Melody ein schlimmer Verrat, auch weil sie weiß, dass er sie mit Prostituierten betrogen hat. Die Situation verschärft sich. Aus der fast symbiotischen Liebe, aus dem Aneinanderhängen seit der Teenagerzeit, das schon immer mit Sticheleien verbunden war, wird ein Krieg, der mit allen Mitteln geführt wird und der beide mit unzähligen Blessuren zurücklässt. Pat zieht zu seinen Eltern, nachdem ihm Melody weisgemacht hat, dass die Schwangerschaft die Folge eines One-Night-Stands mit einer Internetbekanntschaft ist. Es dauert nicht lange, bis im Ort die Gerüchteküche brodelt und Melody die Auswirkungen ihres Handelns zu spüren bekommt.

Gefangen in ihren Schuldgefühlen, schwankend zwischen Vorfreude, Wut und Selbstvorwürfen, beginnt sie ab der zwölften Schwangerschaftswoche, ihre Empfindungen, Erlebnisse und Erinnerungen aufzuschreiben.

Sie erzählt von ihren beruflichen Ambitionen als Journalistin, die sie nie verwirklichen konnte, von ihrer Freundin Breedie Flynn, die sich als Jugendliche das Leben nahm und an deren Tod sie sich eine Mitschuld gibt, von ihrem Vater, der sie liebt bis zur Selbstaufgabe, sich aber trotzdem möglichst wenig in ihr Leben einmischt und von ihrer Mutter, die so gar nicht zu ihm gepasst hat.

Als sie Martin Toppy ein Buch bringen möchte, erfährt sie, dass er mit seiner Familie weitergezogen ist und lernt dabei die junge Mary Crothery kennen, die ebenfalls auf dem Lagerplatz der Traveller lebt. Melody beginnt, auch Mary zu unterrichten. Die beiden freunden sich trotz aller Unterschiede an und stützen sich gegenseitig im dramatischen Geschehen, das folgt. Denn auch Mary hat ihr Päckchen zu tragen und ihr Verhalten hat unter dem fahrenden Volk eine Fehde ausgelöst, die nicht friedlich gelöst werden kann.

Der mehrfach ausgezeichnete irische Autor Donal Ryan entwirft in seinem Roman „Die Lieben der Melody Shee“ ein Bild von einem Irland abseits des „Grüne-Insel-Klischees“. Vorurteile, verkrustete Strukturen und ein Unvermögen, sich von überholten Vorstellungen zu lösen, prägen die Gesellschaft, die er schildert. Wer sich öffentlich gegen Traditionen stellt, wer ausbricht, wer anders ist, bekommt die eiskalte Ablehnung oder den glühenden Hass zu spüren, die hinter der bürgerlichen, erzkatholischen Fassade lauern. Dabei können sich Männer (wie meistens) weit mehr erlauben, als Frauen. Doch Melody stemmt sich mit all ihrer Kraft dagegen und trifft für sich und ihr Kind am Ende eine außergewöhnliche Entscheidung. Diese Frauenfigur – mit sich selbst uneins, alles andere als glatt und stromlinienförmig, verletzlich und sehr realistisch gezeichnet – macht Mut, unabhängig zu denken und unkonventionelle Wege zu beschreiten.

Eindrucksvoll sind auch die Einblicke in die Kultur der Traveller, die Ryan den Leserinnen und Lesern gibt. Zwischen Machos und Übermüttern finden sich dort fast unverbrüchliche Solidarität und familiärer Zusammenhalt, aber auch eine Gewaltbereitschaft, die erschreckt.

„Die Lieben der Melody Shee“ ist ein hervorragendes Beispiel moderner irischer Literatur, das ich uneingeschränkt empfehlen kann.

Donal Ryan: Die Lieben der Melody Shee.
Diogenes, März 2018.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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