Dmitry Glukhovsky: Metro – Die Trilogie

Wir schreiben das Jahr 2033. Vor 25 Jahren hat ein Krieg das Leben auf der Erdoberfläche weitestgehend ausgelöscht. Nur in den weit verzweigten Tunnelsystemen der öffentlichen U-Bahnen haben die wenigen Menschen, die sich zum Zeitpunkt des verheerenden Schlags gerade unter der Erde aufhielten die Chance gehabt, dem nuklearen Inferno zu entgehen. Dies ist die Geschichte eines der Überlebenden. Seit seiner Kindheit lebt Artjom im Untergrund. Mittlerweile ist er Anfang 20 und hat nur einmal, verbotenerweise noch dazu, den nächtlichen Himmel gesehen. Sein Alltag besteht daraus, seine Dienste für seine Station abzuleisten. An der Strecke 500 schiebt er im Wechsel mit den anderen Kameraden Wache. Immer wieder kommen die Schwarzen, mutierte Geschöpfe von der Oberfläche und greifen die Kontrollpunkte an. Neben den Ratten stellen sie die größte Bedrohung für die Überlebenden dar.

Vor einigen Jahren büchsten drei Jungs, unter ihnen Artjom aus der WDNCH Station aus, um alle Verbote zu überschreiten, und die Oberfläche zu sehen. Und wirklich gelang es den drei Abenteurern die metallenen Tore zu öffnen, und über die vom Rost zernagten Rolltreppen einen Blick auf die verwüsteten Ruinen und den Nachthimmel zu erhaschen. Bei ihrer überhasteten Flucht aber ließen sie die Schotts offen stehen. Noch nie hat Artjom gebeichtet, dass es ihre Schuld war, dass die Schwarzen zu einer immer größeren Bedrohung für alles Leben der Metro werden. Erst als er eine der wenigen Lichtgestalten, Hunter, einen Reisender, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, für die Sicherheit der Menschen zu sorgen kennenlernt, schüttet er diesem sein Herz aus, und erleichtert sein Gewissen.

Hunter will versuchen, die Stahltüren zu schließen. Sollte er jedoch nach zwei Tagen nicht zurück sein, so muss ihm Artjom versprechen, muss sich der Junge auf den Weg nach Polis machen, um dort von der Gefahr zu berichten. Und wirklich begibt sich unser junger Mann auf eine Odyssee durch die Metro.

In den Jahren, die seit dem vernichtenden Schlag vergangen sind, haben sich im Netz der ehemaligen U-Bahn von Moskau die verschiedensten Gruppierungen gebildet. In den durch Tunnelröhren miteinander verbundenen Stationen haben sich politische Extremisten ebenso eingenistet wie religiöse Sekten und gewiefte Händler. Der Verkehr und der Kontakt zwischen den einzelnen Stationen ist schwierig, so manches Mal aufgrund Animositäten, ja kriegerischen Auseinandersetzungen unmöglich. Einzig durch Bestechung – das übliche Zahlungsmittel sind überall Patronen für die Kalaschnikow – kann man zwischen den Stationen verkehren. Dabei lauern in den Tunnelsystemen aber Gefahren aller Art auf die wenigen Reisenden.

Leidvoll muss auch Artjom die Erfahrung machen, dass Reisen zwar bilden mag, aber auch mit Gefahren verbunden ist. Sei es, dass eine dunkle Macht vom Geist der Reisenden Besitz ergreift, sich Faschisten und Kommunisten erbittert um die Ehre Artjom aufzuhängen balgen oder sich die Zeugen Jehovas um seine Indoktrination bemühen, sein Weg tief unter der Erde der Russischen Hauptstadt gleicht einem Alptraum voller skurriler, teilweise kafkaesquer Erlebnisse. Immer wieder hat er das Gefühl, dass eine fremde Macht versucht, ihn zu beeinflussen. Was aber will der oder die Unbekannte von ihm? Die Spur führt an die ferne Oberfläche der Welt. Hier, im Nest, aus dem die Schwarzen schlüpfen, verbirgt sich des Rätsels Lösung …

Ein Jahr später entführt uns der Autor zur Station Sewastopolskaja, einer der großen Stromliferanten der Ringlinie. Seit Tagen ist diese von der Verbindung zur Großen Metro abgeschnitten, mehren sich die Monsterangriffe. Bis der geheimnisvolle Brigadier Hunter auftaucht, der zusammen mit Chronisten Homer und einem 17-jährigen Mädchen zu einer Expedition in die Tiefen der Tunnel aufbricht.

Im dritten Teil rückt wieder Artjom ins Zentrum des Geschehens. Er will den Glauben daran, dass auch außerhalb Moskaus Menschen überlebt haben nicht aufgeben. Immer noch ist er überzeugt über Funk die Stimme eines anderen Überlebenden gehört zu haben. Jeden Tag macht er sich auf den Weg an die verstrahlte Oberfläche, um seine Antenne auszuwerfen, und nach einem Zeichen anderer Menschen zu hören – bislang vergebens.

Als er eines Tages das Gerücht vernimmt, dass ein Funker in einem Schacht Kontakt zu Leben außerhalb Moskaus hatte, muss er los. Auch wenn die Reise beschwerlich, ja angesichts der Stalinisten und Nazis, deren Gebiet er durchqueren muss, und die noch ein Hühnchen mit unserem Helden zu rupfen haben lebensgefährlich ist, macht er sich, begleitet von dem Chronisten Homer, auf den Weg quer durchs unterirdische Moskau. Entlang der alten Tunnel begegnen ihm Not und Leid, Krankheiten und Mutationen – nichts aber ist so schlimm, wie die verbohrten Ideologen der unterschiedlichsten Couleur.

Die Nazis haben in ihrem vierten Reich ein nur auf den ersten Blick wunderbaren Ort der Geborgenheit, des Wohlstand und der Ruhe geschaffen, hinter den Mauern, die ihre Welt umschließen warten die Unterdrückten, die Aussortierten darauf hingerichtet zu werden. Bei den Bolschewiken herrscht Not und Armut, allein das despotische Regime der Herrschenden mit ihren selbstgefälligen Sadisten gleicht dem Regime der Nazis frappierend. So gleicht Artjoms Reise einem Besuch in den Kreisen der Hölle. Er wird gejagt, gefangen genommen, erpresst und missbraucht – nur eines hält ihn aufrecht – die Hoffnung, da draußen freie Menschen zu finden. Bis er erkennen muss, dass es außerhalb der Metro ganz anders ist, als bislang vermutet.

Der Weg ist das Ziel, so heißt ein alter, weiser Sinnspruch. Und so könnte man auch diese Trilogie überschreiben, Bücher, die aus dem üblichen Rahmen fallen, die dem Verlag so wichtig sind, dass man sie besonders herausstellt. Besonders heißt in diesem Fall nicht etwa, wie man meinen könnte, eine Neuauflage, sondern weit mehr. Man fasst die drei Bände, von denen der Mittelband klar der Schwächste ist, zusammen. Damit aber nicht genug, legt man den so gebildeten Ziegelstein von einem Buch nicht etwa als Paperback auf, sondern entscheidet sich für ein großformatiges Hardcover, das schon äußerlich beeindruckt und die Neugier der potentiellen Käufer weckt. Im Inneren erwarten den Leser nicht nur farbig gestaltete Karten des Metro-Systems Moskaus, sondern auch ein hochwertiger Dünndruck.

In das dreifach genutzte Grundgerüst der Reise des Erzählers durch die ihm unbekannte Welt verpackt der Autor nicht nur die auch in Details faszinierend glaubwürdige Beschreibung eines Lebens im Untergrund, sondern er nutzt diese Bühne auch, um seinem Leser mit aktuellen gesellschafts-politischen Entwicklungen zu konfrontieren.

Sei es die zunehmende Radikalisierung von gesellschaftlichen Randgruppen, der Vormarsch falscher Heilspropheten, die Verarmung weiter Teile der Bevölkerung bei gleichzeitiger Zunahme von Brutalität und Egoismus, Glukhovsky nutzt seine Bühne, um seinen Mitmenschen einen Spiegel vorzuhalten. Unangenehme Wahrheiten gilt es zu akzeptieren, brutal und deutlich, nur selten aber übersteigert zeigt er das Potential der Menschen zur Selbstzerstörung auf. Da werden Despoten geboren, da wird gnadenlos und ohne jegliche Skrupel betrogen, gefoltert und getötet, die zivilisatorische Tünche nur allzu schnell abgestreift. Der Drang des Menschen sich über seine Mitmenschen aufzuschwingen, diese zu beeinflussen ja zu beherrschen, aufgrund realer oder vorgeschobener Unterschiede im Aussehen, Herkunft und Gesinnung zu diffamieren, wird deutlich thematisiert. Hier nimmt der Autor durchaus auch Bezug auf aktuelle Entwicklungen im bedeutendsten Staat der ehemaligen Sowjetunion, bildet die Konflikte in aller Deutlichkeit ab. Das ist eher eine Dystopie als Utopie, das erschreckt, das deprimiert ob der Fehlbarkeit des Menschen.

Wo bleibt die dem Nachbarn hilfreich entgegengestreckte Hand, wo Offenheit und Unvoreingenommenheit? Fast jeder passt sich an, schwimmt im großen Strom mit, nur nicht aufmucken und auffallen, in der Anonymität der Masse aufgehen. Toleranz ist ein Fremdwort, hinter allem stehen eigensüchtige Motive. Dabei geht es Gukhovsky um Freiheit und den tagtäglichen Kampf, diese zu erhalten, um den alten, lang überholt geglaubten Klassenkampf der vielen Armen gegen die wenigen Begüterten, um Gerechtigkeit und die Macht zu Träumen. Von Freiheit, von Frieden und von Gleichheit fabuliert er, scheint dabei ebenso kämpferisch wie nüchtern pessimistisch und nutzt den Roman um sich mit der aktuellen politischen Situation seiner Heimat, die immer durchschimmert auseinanderzusetzen.  So verbinden sich im Text aktuelle Kritik mit Anspruch und temporeicher Action zu einem Leseerlebnis der Besondere, der Glukhovskyschen Art.

Dmitry Glukhovsky: Metro – Die Trilogie.
Heyne, November 2019.
1616 Seiten, Gebundene Ausgabe, 35,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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