Dimitri Verhulst: Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau

derWas wäre, wenn man seiner Umwelt vorspielen würde, man wäre dement und würde in einem entsprechenden Heim untergebracht? Würde man damit nicht auch ein gewisses Maß an Freiheit gewinnen? Mit dieser Idee spielt der flämische Autor Dimitri Verhulst, geboren 1972, in seinem Roman „Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“. Besagter Bibliothekar, Désiré (mir war nicht klar, dass das auch ein männlicher Vorname sein kann) Cordier, 74 Jahre alt, liefert eine schauspielerische Glanzleistung ab, um von seiner verhassten Frau, unter deren Pantoffel er steht, wegzukommen und in ein Heim für Demenzkranke umziehen zu dürfen. Dort tut er nicht viel mehr als sein Schauspiel fortzusetzen und die anderen Bewohner zu beobachten. Unter anderem trifft er auch eine Jugendliebe wieder.

Grundidee und viele Einfälle in diesem Buch sind witzig, aber länger als 140 Seiten – so dünn ist dieses Romänchen – trägt die Idee auch nicht. Man wartet immer darauf, dass irgendeine Art von Wende eintritt, dass unser Held irgendeinen Grund findet, seine Maskerade aufzugeben und sich für irgendetwas einzusetzen. Doch Fehlanzeige. Die Geschichte plätschert bis zu ihrem schnellen Ende dahin und nährt sich von ihrer Grundidee. Das reicht für eine humorige und unterhaltsame Lektüre für zwischendurch, für mehr aber auch nicht.

Auch muss man wohl darüber hinwegsehen, dass der Roman die Frage nie beantwortet, warum unser Held eigentlich den ganzen Aufwand auf sich nimmt und sich nicht einfach scheiden lässt. Und worin nun genau das Mehr an Lebensqualität besteht, dass Désiré als sabbernder Laienschauspieler unter echten Demenzkranken in dem Heim erfährt, erschließt sich mir auch nicht. Oder ist es zu kleinlich, solche Fragen zu stellen angesichts des nicht ernst gemeinten Stoffs? Wahrscheinlich.

Dimitri Verhulst: Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau.
Luchterhand, April 2014.
144 Seiten, Taschenbuch, 12,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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