Denis Scheck & Christina Schenk: Der undogmatische Hund

Wau oder Wow – das ist hier die Frage! Denis Scheck, aufgrund seiner gewitzten und scharfzüngigen Art momentan wohl Deutschlands beliebtester Literaturkritiker, präsentiert sich hier von einer völlig neuen Seite: als Hundebesitzer seines Jack Russell-Terriers „Stubbs“. Gemeinsam mit seiner Frau Christina Schenk, einer Kulturredakteurin, hat er eine hinreißende Liebeserklärung an sein vierbeiniges Familienmitglied geschrieben. Natürlich wäre Scheck nicht Scheck, wenn er sich hierfür nicht ein paar literarische Finessen hätte einfallen lassen. Neben der erzählerischen Ebene, in der das Ehepaar von seinen Erlebnissen zwischen Hundeschule, Turnierplatz und turbulenten Reisen berichtet, kommt auch Stubbs selbst zu Wort. In seinem „caniden Kanon“ stellt Stubbs elf herausragende Hunde der Weltliteratur vor. Gesehen aus den Augen des Vierbeiners, geschrieben im Kölscher Dialekt, was für Leser außerhalb des Ruhrgebietes durchaus anspruchsvoll sein kann. Doch schließlich dreht der quirlige Jack Russell seine Gassi-Runden in der Karnevalsmetropole am Rhein. Wem Begriffe wie „Rampelsant“ und „schisskojenno“ nichts sagen, findet im hinteren Teil des Buches dankeswerterweise ein Glossar „Ruhrdeutsch – Deutsch“.

In ebenso amüsanten wie informativen Episoden befassen sich die Autoren mit der Vermenschlichung von Tieren, der Evolution vom Wolf zum Hund und warum der Oxytocin-Wert, das Kuschelhormon schlechthin, um 30 Prozent ansteigt, wenn wir unserem Vierbeiner in die Augen sehen. Denis Scheck entlarvt den so genannten Welpenschutz als Legende, warnt vor dem übersteigerten Selbstbewusstsein eines Jack Russels, was seinen Haltern ständige Aufmerksamkeit abverlangt. Zudem zeigt er auf, warum die zweibeinigen Teilnehmer von Hundeturnieren diverser sind, als die Bewohner der weltoffenen Rheinmetropole Köln. Bisweilen wird es sehr privat: Zum Beispiel, wenn der „knallharte“ Literaturkritiker zugibt, im Besitz eines Hunde-Plüschtieres zu sein. Dieses begleitet ihn auf Reisen, um das Heimweh nach seinem geliebten Vierbeiner zu lindern.

Die zweite Ebene des Buches dreht sich um die berühmtesten Hundecharaktere der Weltliteratur, inhaltlich zusammengefasst und interpretiert aus Sicht von Stubbs! Der Leserschaft begegnet Stephen Kings furchterregender „Cujo“, der sich mit Tollwut infiziert hat sowie Kerstin Eckmanns „Hundeherz“, das sich liest, als hätte „Franz Kafka das Drehbuch für Lassie geschriem“ (S. 143). Wir begleiten Hunde in den Werken von Paul Auster, Jack London und kommen einem literarischen Skandal auf die Spur! Das J.R.R. Tolkiens Werk „Roverandom“ im Schatten von „Herr der Ringe“ bislang so wenig Aufmerksamkeit erhalten hat, will Stubbs schleunigst ändern. Schließlich erlebt der kleine Hund Rover dort groteske Abenteuer zwischen dem Mond und dem Rand der Welt. Wer braucht da schon Mittelerde? Herausragend ist die Episode rund um „Snoopy“. Der O-Ton Stubbs „abgeklärte Schlaumeier schlechthin in einer Welt voller Klotzköppe“. (S. 165). Snoopy als „Avantgardist der Tiny-House-Bewegung“ (S. 167) ist in der Tat der Charakter, der weitaus mehrdimensionaler und interessanter gestaltet ist, als alle menschlichen Figuren rund um Charlie Brown und Co. Das muss einfach mal gesagt werden.

Abgerundet wird das Buch durch die bezaubernden Illustrationen von Torben Kohlmann. Spätestens bei der welpengerecht abgewandelten Form von „Die Erschaffung des Adams“ dürfte jeder Hundefan mit zahlreichen Awwwww-Ausrufen dahinschmelzen wie Schokolade bei 30 Grad.

Fazit: Ein literarisches Must-Have für jeden Hundeliebhaber. Auch hervorragend als Geschenkidee geeignet. Neben amüsanten Episoden und informativem Wissen, erhalten Käufer elf Empfehlungen für Bücher mit herausragenden Hundecharakteren als literarisches Leckerli obendrauf. Wow! Oder vielmehr Wau!

Denis Scheck & Christina Schenk: Der undogmatische Hund.
Kiepenheuer&Witsch, Oktober 2021.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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