Debra Jo Immergut: Die Gefangenen

„Die Gefangenen“ ist ein faszinierendes Psychogramm, dessen Titel auf zwei Ebenen wirkt. Zum einen spielt das Setting in einem New Yorker Frauengefängnis. Zum anderen sind die beiden Protagonisten – die zu 52 Jahren Haft verurteilte Miranda Green und der Gefängnispsychologe Frank Lundquist – ebenfalls gefangen: in sich selbst, ihren Traumata, familiären Verstrickungen und ungesunden Sehnsüchten. Das Schicksal hat die beiden wieder zusammengeführt. Miranda war Franks heimlicher Schwarm auf der Highschool. Im Grunde seines Herzens immer noch der verunsicherte Teenager, sieht er seine große Chance gekommen, endlich bei seiner Traumfrau in Erscheinung zu treten. Doch Miranda verfolgt eigene Pläne. Es beginnt eine äußerst obsessive und manipulative Beziehung, die weit über den Grenzen einer gesunden Psychiater-Patienten-Verbindung hinausgeht.

Miranda Green hatte eine strahlende Zukunft vor sich. Als Tochter eines Kongressabgeordneten in einer wohlhabenden Familie aufgewachsen, gutaussehend, mit besten Karriereperspektiven in einer Marketingfirma, hätte sie ein sorgloses Leben führen können. Stattdessen muss sie ihre 52jährige Haftstrafe in der Strafanstalt Milford Basin bei New York verbüßen. Für Miranda kein lebenswertes Dasein. So landet sie bei dem Gefängnispsychologen Frank Lundquist, der ihr etwas gegen ihre Schlaflosigkeit verschreiben soll.  Während sich Miranda nicht an Frank zu erinnern scheint, sieht Frank einen Traum wahr werden. Wenn auch auf Umwegen. Miranda war Franks großer Schwarm auf der High School. Schon immer hat er eine unerklärliche Verbundenheit zu ihr gespürt, ist ihr nachgegangen – von Miranda unbemerkt. Denn hinter der schönen Fassade kämpfte Miranda mit einem erschütternden Familiendrama. Nun steckt sie in noch viel größeren Schwierigkeiten, obwohl sich Frank nicht vorstellen kann, dass Miranda tatsächlich einen Doppelmord begangen haben soll. Auch Frank befindet sich in einer Krise. Ein tödlicher Therapiefehler bei einem jungen Patienten hat Franks Karriere ruiniert, gleichzeitig hat sich seine Frau von ihm getrennt. Ohne jegliche Perspektive, hat er endlich wieder einen Sinn im Leben gefunden. Er will Miranda helfen, egal wie! Dafür ist er bereit, alle Regeln zu brechen. Obwohl er nicht einmal weiß, ob Miranda wirklich unschuldig ist.

Wie kann jemand so sehr lieben, dass er bereit ist, für den anderen ins Gefängnis zu gehen? Und dass, obwohl die Gefühle nicht erwidert werden? Wie erklären sich destruktive Beziehungen? Fragen, die der Roman zu ergründen versucht. Was die beiden Hauptdarsteller verbindet, sind ihre Verletzungen aus der Vergangenheit. Beide haben schlimme familiäre Verluste erlitten. Beide mussten erfahren, wie erfolgreiche Väter das Leben ihrer Kinder so sehr überschatten, dass sie niemals darunter hervortreten können. Beide haben sich in Beziehungen verloren und Fehlentscheidungen getroffen, die ihre Lebensplanung zerstört haben. Kurz: Frank und Miranda erkennen den eigenen Schmerz im anderen wieder. Dennoch werden sie von ganz unterschiedlichen Sehnsüchten angetrieben. So bleibt die Frage: Wer benutzt hier eigentlich wen?

Debra Jo Immergut ist ein vielschichtiges Psychogramm gelungen. Die Autorin schreibt ihre Kapitel abwechselnd aus Sicht von Frank in der Ich-Perspektive sowie als allwissende Erzählerin mit Blick auf Miranda. Die inneren und äußeren Konflikte der Hauptakteure bringen die Geschichte voran. Langsam, aber stetig. Erfahrung damit hat die Autorin: Debra Jo Immergut unterrichtete Kurse für kreatives Schreiben in Strafanstalten. Sie wirft einen Blick in den Alltag eines Frauengefängnisses, die Praxis eines Kinderpsychiaters, den Wahlkampf eines machtbesessenen Politikers. Abgründe der Seele lauern überall. Warum tun wir, was wir tun? Darauf gibt es keine einfache Antwort. Erfahrungen prägen uns so tief, dass wir bereits in Bahnen gelenkt werden. Und der freie Wille ist längst nicht so frei wie erhofft.

Debra Jo Immergut: Die Gefangenen.
Penguin, März 2020.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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