Daša Drndic: Belladonna

Ein Mensch kann vieles sein und entsprechend viele Rollen in seinem Leben innehaben. Andreas Ban ist einer von ihnen: Psychologe, Schriftsteller, Dozent, ehemaliger Wehrdienstleister und Fahnenflüchtiger, Witwer, Vater und zum Schluss reduziert auf Alter, Krankheit und Armut. Auf diese Weise zurechtgestutzt blickt er auf sein Leben zurück, das andere Geschichten und Schicksale anzog wie ein Magnet.

»… die Geschichten sprangen aus dem Nichts, sprangen ihn an und kullerten ihm nach, krallten sich an ihm fest, … Hier in dieser kleinen Stadt, direkt unter seiner Nase, schlummerten die gleichen Geschichten, verstreut auf den Friedhöfen, haften an den Namen, eingeprägt in Fotografien, man hat sie rumliegen lassen wie billige Ware, … (S. 344, 345)

Was soll Andreas mit seinem großen Wissen anfangen? Was ist es wert, wenn Worte nichts mehr zählen? Stückweise verabschiedet er seinen Besitz, solange seine Augen noch funktionieren.

Die 1946 in Zagreb geborene Daša Drndic gewinnt Preise und zählt zu den wichtigsten kroatischen Autorinnen. Ihr weitgefächertes Interessengebiet umfasst unter anderem die durch den Zweiten Weltkrieg verursachten Traumata und die Kriege (1991-2001) im ehemaligen Jugoslawien. Der Titel ihres Romans Belladonna (aus dem Italienischen ‚schöne Frau‘) bezieht sich auf die giftige schwarze Tollkirsche, aus der ein hochwirksames Halluzinogen gewonnen wird. Unter anderem weitet Belladonna die Pupillen, um die Untersuchung am Auge zu erleichtern.

Die Hauptfigur Andreas Ban, ein politisch offener, kritischer Geist, erzählt. Stück für Stück entsteht ein geschichtliches Mosaik, in dem Andreas‘ Heimatland zum schaurigen Schauplatz wird. Daša Drndic facettiert diese Geschichten mit Hilfe von diversen Erzählebenen, die alle eines gemeinsam haben: Die Traumatisierung sehr unterschiedlicher Menschen, die das Pech hatten zur falschen Zeit am falschen Ort und mit der falschen Religion zu leben. Andreas wird zu ihrem Archivar und gleichzeitig zu einem Beteiligten, der alle Berichte weitläufig zu einem großen Gebilde verbindet. Bindeglieder sind zum Beispiel der Vater als Massenmörder, der Vater als Verräter oder der Vater als Pazifist. Hier erzählt Andreas/die Autorin exemplarisch, wie und durch wen in Kroatien Unrecht geschah. Das stoische Festhalten an rechtsradikalem Gedankengut zeigt aber auch, wie viel und zugleich wie wenig die Geschichte gelehrt hat. So wie Familiengeheimnisse vererbt werden, genauso überträgt sich eine politische Gesinnung auf die nächste Generation, während in ihrem Schatten neues Leid entsteht.

Literatur darf vieles. Sie darf anstrengen, unterhalten, kritisieren, Stellung beziehen und mutig sein. Daša Drndic schafft einen Kosmos, in dem viele Schreibstile einen festen Platz haben. Ob es sich um assoziatives Schreiben handelt, Zeugenaussagen, Stilmittel der Lyrik oder wunderschön erzählte Geschichten. Ein Kapitel endet mit dem verkürzten Satz »Aber.« Der darin verankerte Zweifel ist hier nicht nur ein Spannungsträger. Er zeigt großes Können und Sicherheit in einer unverbrauchten, frischen Sprache.

Ein großes Kompliment verdienen natürlich auch die Übersetzerinnen Brigitte Döbert und Blanka Stipetic.

Daša Drndic: Belladonna.
Hoffmann & Campe, Februar 2018.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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