Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall

Dieser meisterhaft erzählte und psychologisch ausgefeilte Roman erzählt von fünf Frauen, die ihre Liebe im Ernstfall verloren haben. Die Gründe für das Scheitern ihrer Beziehungen sind so unterschiedlich wie die Charaktere der Frauen. Mal scheinen ihnen die Umstände übel mitzuspielen, meist aber müssen sie erkennen, den falschen Lebenswurf gewählt zu haben. Denn egal, was die eine hat und um das die andere sie beneidet – seien es Kinder oder Karriere, Stabilität oder Unabhängigkeit – sie alle sind unglücklich mit ihrer Situation.

Paulas Beziehung zerbricht durch den Tod des Kindes. Ihr Mann gibt ihr die Schuld an dem Unglück. Doch bei genauerer Betrachtung scheint schon Jahre zuvor ein Riss durch die vermeintliche Vorzeigefamilie gegangen zu sein. Während Paula um ihr Kind trauert, wird ihre beste Freundin Judith ungewollt schwanger. Die erfolgreiche Ärztin führt seit jeher Beziehungen zu reifen, verheirateten Männern und hält diese auf Distanz. Ihre wahre Liebe gilt den Pferden sowie ihrem Beruf. Auf Online-Plattformen sammelt sie Affäuren. Dies ändert sich erst, als sie Gregor kennenlernt. Zum ersten Mal scheint eine Langzeitbeziehung denkbar. Doch als sie das gemeinsame Kind heimlich abtrieben lässt, ohne ihn über ihre Schwangerschaft in Kenntnis zu setzen, kann er ihr diesen Vertrauensbruch nicht verzeihen.

Musiklehrerin Malika ist ihr Leben lang im Schatten der jüngeren Schwester gestanden. Nichts wünscht sie sich mehr als eine eigene Familie, in der die Liebe gerecht verteilt werden soll. Doch ihr Langzeitfreund Götz verlässt sie für eine andere Frau. Malika verfällt in schwere Depressionen. Brida, die andere Frau, führt schon bald das von Malika erwünschte Leben. Nur um zu erkennen, dass ihr dieses Familienmodell nicht taugt. Die unabhängige angehende Buchautorin vermag Kinder und Karriere nicht unter einen Hut zu bringen. Eigene Wünsche zum Wohl der Familie zurückzustellen fällt ihr schwer, unbewusst macht sie ihre beiden Töchter für das Stagnieren ihrer Schriftstellerkarriere verantwortlich. Als es deswegen immer öfters zu Streitigkeiten kommt, zerbricht ihre Beziehung daran. Malikas Schwester Jorinde, eine Schauspielerin mit zwei Kindern, scheint das große Glückslos gezogen zu haben, befindet sich aber kurz vor dem Abgrund. Ein Seitensprung bleibt nicht ohne Folgen, sie zerreibt sich zwischen Job und Scheidungsschlacht. Da unterbreitet sie ihrer älteren Schwester ein ungewöhnliches Angebot…

Obwohl über weite Teile des Buches pessimistische Grundtöne vorherrschen – schließlich verfolgen wir das Scheitern mehrerer Beziehungen – wird der Lebenswille der Frauen nicht gebrochen. Ein letzter Funke Hoffnung glimmt immer irgendwo auf. Daniela Krien, deren Erstlingswerk 2014 mit dem Nicolaus-Born-Debütpreis ausgezeichnet wurde, hat einen Querschnitt durch moderne Beziehungen geschaffen, in denen nichts so fragil scheint, wie das Glück. Doch wo genau liegt die Wurzel allen Übels? In den falschen Handlungen? Der Wahl der falschen Männer? Oder noch viel früher – im Formulieren falscher Wünsche?

Daneben lässt die in Leipzig lebende Autorin auch die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland aufeinandertreffen. Verdeutlicht wird dies zum Beispiel durch die Person Götz, einem gebürtigen Schwaben. In seiner Beziehung mit Malika wird seine Familie von ihren Eltern als kapitalistische „Häuslebauer“ verachtet. In seiner Beziehung mit Brida treffen unterschiedliche Rollenverteilungen aufeinander. Götz sieht sich als Ernährer und will nicht verstehen, wie eine Mutter ihre Kinder mit wenigen Monaten in eine Krippe geben kann. Zudem scheinen die Protagonistinnen, die ihre Kindheit in der DDR verbracht haben, plötzlich mit der neuen Fülle an Wahlmöglichkeiten überfordert zu sein. Denn nun, wo alles denkbar scheint, stellt sich die Frage, ob es nicht einen besseren Weg gegeben hätte.

Die Autorin erzählt so empathisch wie unaufgeregt. Ihre Beobachtungsgabe ist präzise, jedes Wort ist stimmig. Sie führt uns ganz nahe an ihre Akteure heran. Es gelingt ihr, dass wir zwar nicht jede Handlung der fünf Protagonistinnen gutheißen, aber verstehen können. Am Ende drängt sich die Erkenntnis auf, dass die wichtigste Lektion, die diese Frauen im Leben zu meistern haben, die Lektion der Selbstliebe ist. Das Erkennen der eigenen Stärke. So bekommen sie alleine oder an der Seite weiterer Gefährtinnen ihr Leben allmählich wieder in den Griff. Auf diese Art von Liebe lässt sich auch im Ernstfall zurückgreifen.

Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall.
Diogenes, Februar 2019.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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