Daniel Schreiber: Allein

Der deutsche Autor Daniel Schreiber (Jahrgang 1977) lebt und arbeitet in Berlin. Er hat 2007 eine Susan Sontag Biografie veröffentlicht. Seine beeindruckenden Essays „Nüchtern“ und „Zuhause“ erschienen 2014 und 2017. Am 27. September 2021 kam bei Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag sein neuestes Essay mit dem Titel „Allein“ heraus.

Wie in „Nüchtern“ und „Zuhause“ nähert sich Daniel Schreiber dem Thema „Allein“ von seiner persönlichen, subjektiven Seite. Beim Gärtnern, Wandern, Yoga und Stricken denkt er über die Bedeutung und den Wert von Freundschaften und über das Alleinsein nach. Und all dies in Zeiten der Corona-Pandemie.

Schreiber bleibt jedoch nicht im Persönlichen haften, er schlägt den Bogen zur Literatur, Philosophie, Psychoanalyse und Soziologie. Dabei lerne ich als Lesende das Phänomen Alleinsein von verschiedenen Seiten kennen. Dazu gehören Stichworte wie uneindeutige Verluste („Verluste, bei denen es unklar bleibt, was genau man verloren hat.“ S. 79), Freundschaft, Einsamkeit oder Liminalität („Schwellenzustand, eine Zeit außerhalb der regulären Zeit, in der viele alte Regeln und Normen nicht mehr zu gelten schienen.“ S. 75).

Daniel Schneider stellt sich Fragen wie: Was ist ein gutes Leben? Und ist ein Leben allein weniger gut als ein Leben mit Partner oder Partnerin? Braucht es Haus, Garten und Partner für ein erfülltes Leben oder ist das schlicht Fantasie und Wunschtraum? Treibt uns ein „grausamer Optimismus“ (S.136), unsere Wünsche und Träume unbedingt realisieren zu wollen? Und was ist, wenn wir uns von ihnen verabschieden?

Auf einige dieser Fragen findet Schreiber Antworten. Auf seinen Wanderungen schälen sich Gedanken heraus, die ihm helfen, seine Lebenssituation, sein Alleinleben und seine Vorstellungen von der Zukunft zu klären und Abschied zu nehmen von Fantasiegebilden.

Stricken gleicht Meditation, Yoga heilt den Körper und Gärtnern erdet. All dies kommt ohne Pathos und Esoterik daher. An einer Stelle sagt Schreiber über nicht direkte arbeits- oder berufsorientierte Beschäftigungen: „Tätigkeiten wie diese entspannten mich, auch wenn ich mir dabei manchmal zunächst etwas albern vorkam.“ (S. 89)

Daniel Schreiber bettet seine persönliche Situation in gesellschaftliche, soziale Kontexte. Er thematisiert die aktuellen Lebenssituationen von queeren Menschen, ihre Scham, die offene oder verdeckte Ablehnung durch heterosexuelle Menschen, ihre Traumata, ihren Selbsthass. Wie wichtig gerade für queere Menschen Freundschaften sind, beschreibt er so: „Für queere Menschen sind Freundschaften überlebenswichtig, erst mit ihrer Hilfe finden sie wirklich zu ihrer eigenen Identität.“ (S.106)

In Schreibers Essays schätze ich ganz besonders seine klare und warme Sprache. Er erzeugt im Schreiben eine emphatische Atmosphäre, ein großes Interesse am Weiterlesen, und er vermittelt dazu Informationen unterschiedlichster Fachgebiete.

Mit „Allein“ hat Daniel Schreiber wieder ein exzellentes und sehr persönliches Essay geschrieben, das ich allen Lesenden von Herzen empfehlen kann. Und „Nüchtern“ und „Zuhause“ dazu. Bitte unbedingt lesen!

Daniel Schreiber: Allein.
Hanser Berlin, September 2021.
160 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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