Daniel Mason: Der Wintersoldat

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Dies ist ein ganz besonderes, ein aufwühlendes, nachwirkendes Buch. Wegen des Themas, wegen der Charaktere, wegen der Sprache. Von der ersten Seite an fängt der Roman die Leser ein und lässt sie bis zur letzten Seite nicht mehr los.

Der junge Wiener Medizinstudent Lucius meldet sich 1914 freiwillig für den Einsatz an der Front. Seine Hoffnung: endlich operieren zu dürfen, endlich praktisch zu arbeiten und nicht mehr nur den Vorlesungen seiner Professoren lauschen zu müssen. Er ist hochbegabt, hat aber außer ein paar unbedeutenden Eingriffen noch kaum Patienten behandelt. Im tiefsten Winter Anfang 1915 kommt er in ein kleines Dorf in den Karpaten, wo in der Kirche ein Behelfslazarett eingerichtet wurde. Hier begegnet er der Nonne Margarete, anderes medizinisches Personal ist nicht vorhanden. Margarete erkennt schnell, wie wenig Erfahrung der junge Mann hat. Sie bringt ihm bei, was er wissen muss, lehrt ihn, Amputationen durchzuführen.

Daniel Mason schreibt fantastisch. Man empfindet die Kälte, spürt den Hunger, fühlt das Jucken der Läuse, hört das Rascheln der Ratten, riecht den Gestank der schwärenden Wunden. Vor allem aber ist man ganz nah an dem Protagonisten Lucius. Er ist ein unsagbar einsamer Mensch, die Beziehung zu seinen Eltern ist sehr schwierig, fast wirkt er wie ein Fremder in der eigenen Familie. So scheint es, dass er in gewisser Weise eine neue Familie in diesem Lazarett findet.

Ganz zart und vorsichtig entwickelt sich die Liebe zwischen Margarete und Lucius. Die Worte und Szenerien, die Mason verwendet, um diese Beziehung zu beschreiben, sind einfühlsam, wunderbar bildhaft und nie sentimental.

Als Lucius einen hochgradig traumatisierten Soldaten behandelt, gerät er in Konflikt mit den Rekrutierungskommandos, die in allen Lazaretten die angeblichen „Drückeberger“ einsammeln.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt möchte man das Buch überhaupt nicht mehr aus der Hand legen.

Margarete, die Männer, die als Helfer im Lazarett arbeiten, die Patienten und all die Menschen, denen Lucius im Laufe des Krieges begegnet, sind mit viel Empathie und Authentizität gezeichnet.

Es gibt dramatische Szenen, nachdenkliche Passagen und mit großem Detailreichtum geschilderte Handlungsorte. Dabei kommen auch die historischen Fakten nicht zu kurz, ohne dass der Text zu einer Geschichtsstunde wird.

Den beiden Übersetzern Sky Nonhoff und Judith Schwaab gebührt ein großes Lob. An keiner Stelle stört eine falsche oder unpassende Formulierung.

Ich könnte noch lange weiter für den Roman schwärmen. Aber ich fasse es einfach in dem Satz zusammen: Lesen Sie dieses Buch!

Ein Extra-Lob gibt es von mir für das Cover: genauso habe ich mir den Ort vorgestellt, genauso die Stimmung empfunden.

Daniel Mason: Der Wintersoldat.
C.H. Beck, Juli 2019.
430 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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