Dai Sijie: Die lange Reise des Yong Cheng

Der in Frankreich lebende chinesische Autor Dai Sijie ist 2001 durch seinen später auch verfilmten Roman „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ bekannt geworden. In seinem neuesten Werk „Die lange Reise des Yong Sheng“ widmet er sich dem Leben seines Großvaters, der zum ersten christlichen Pastor der chinesischen Stadt Putian wurde.

Es gibt einige schöne Stellen in diesem Buch – zum Beispiel wenn der kleine Yong Sheng im strömenden Regen seiner Lehrerin Mary Gummistiefel hinterherträgt oder wenn er später als Pastor ein riesiges Arche-Noah-Fresko auf ein Gebäude malt.

​Aber insgesamt ist dieser Roman eine Enttäuschung. Vielleicht liegt das daran, dass der Autor zu viel in ihn hineinpackt. Er hastet durch so viele Stationen im Leben seines Helden, dass sie zwangläufig an der Oberfläche bleiben müssen. Der ganze Roman wirkt wie eine Aneinanderreihung einzelner Episoden, nicht aber wie ein geschlossenes Ganzes.

Man hat auch nach über 400 gelesenen Seiten den seltsamen Eindruck, die Titelfigur noch immer nicht richtig zu kennen. Was denkt sie? Was treibt sie zu diesem oder jenem Handeln?

Es gibt Kritiker, die den historischen Überbau loben: Man erfahre viel über die Entwicklung Chinas im 20. Jahrhundert – oder über die Zerrissenheit Chinas zwischen Tradition und Moderne. Aber auch hier verhält es sich so, dass solche Themen höchstens nebenbei angerissen werden, niemals aber mit der gebührenden Tiefe abgehandelt werden.

Dai Sijie: Die lange Reise des Yong Cheng.
Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Marquardt.
Piper, Januar 2022.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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