Cynthia Swanson: Im Wald der Lügen

Subtiles Psychogramm ohne blutiges Gemetzel: Im Wald der Lügen kommt langsam und bedächtig daher – wie sich wiegende Äste im Wind. Doch spürt man die Bedrohung im Unterholz lauern, ohne sie konkret benennen zu können. Zur Story:  Die junge Angie führt mit ihrem gutaussehenden Mann Paul, einem Künstler sowie ihrem kleinen Sohn ein sorgloses Leben. Bis ein Anruf alles durcheinander bringt. Pauls Bruder Henry wurde tot im Wald aufgefunden, seine Ehefrau Silja ist spurlos verschwunden. Daraufhin reist die Familie zu Pauls 17-jähriger Nichte Ruby, um ihr beizustehen. Bald nach der Ankunft mehren sich die Ungereimtheiten. Ruby nimmt das Geschehen teilnahmslos hin. Ist dies der Schock? Steckt etwas anderes dahinter? Weiß Ruby mehr, als sie zugibt? Paul wird immer reizbarer, herrischer und verschlossener. Und der dunkle Wald, der das Haus umgibt, scheint ebenfalls ein düsteres Geheimnis zu hüten… Was ist hier geschehen?

Um Licht ins Dunkel zu bringen, hat sich Autorin Cynthia Swanson einer ungewöhnlichen Methode bedient. Sie erzählt den Plot abwechselnd aus Sicht von drei Frauen. Die Gegenwart im Jahr 1960 wird aus Sicht von Angie in der ICH-Perspektive und aus Sicht von Ruby in der dritten Person geschrieben. Die Vorgeschichte wird aus Sicht von Silja erzählt und beginnt zur Zeit des zweiten Weltkrieges, als sich Silja in den charismatischen Soldaten Henry verliebt. Nach wenigen Wochen des Glücks muss er in den Krieg ziehen, aus dem er völlig verändert zurückkehrt. Silja ist gezwungen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie emanzipiert sich zusehends, beruflich wie privat. Doch den konservativen Männern im Amerika der 50er Jahre sind Kommunisten, Schwarze und aufbegehrende Frauen gleichfalls verhasst. Siljas Verhalten bleibt nicht ohne Folgen.

Wer auf blutige Effekte, Mörderjagden oder CSI-Profiling aus ist, wird in diesem Buch nicht fündig.

Der Horror dieses Buches ist subtiler – und erschreckender zugleich, da er wohl millionenfach in amerikanischen Haushalten stattgefunden hat. Noch im Jahr 1960 war körperliche Misshandlung im New York City State nicht als Scheidungsgrund anerkannt. Wollte eine Frau dennoch die Scheidung durchsetzen, war der Preis hoch. Meist musste sie dafür auf sämtlichen Besitz und das Sorgerecht ihrer Kinder verzichten. Suchte sie rechtliche Hilfe, äußerten sich Anwälte oft wie in diesem Buch: „Im Allgemeinen bekommen wir eine Frau nicht aus der Ehe, wenn der Mann es nicht will, es sei denn, es gibt einen eindeutigen Beweis für Ehebruch.“ Gefolgt von dem „hilfreichen“ Rat: „Versuchen Sie das Gute an Ihrem Ehemann zu entdecken.“ Kein Wunder also, dass es für viele Frauen kaum ein Entrinnen aus ihren toxischen Beziehungen gab.

Die Geschichte ruht auf den drei weiblichen Protagonisten, denn es geht um Gewalt gegen Frauen. Diese kann viele Gesichter annehmen: von Bevormundung über Herabsetzung bis hin zur physischen Bedrohung. So geht der eigentliche Schrecken dieses Buches davon aus, dass wir heute allzu viele Privilegien als selbstverständlich hinnehmen, die noch vor 60 Jahren für die meisten Frauen purer Luxus gewesen wären. Ein Aspekt, den man und frau sich angesichts der gegenwärtigen Lage in den USA und vielen anderen Ländern der Welt gar nicht oft genug vor Augen führen kann.

Cynthia Swanson: Im Wald der Lügen.
Diana, August 2019.
464 Seiten, Taschenbuch, 10,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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