Constantin Schreiber: Die Kandidatin

Bei diesem Buch ist es ratsam, Inhalt und Stil getrennt zu betrachten. Denn der Plot, die Handlung und die Hintergründe der Geschichte sind ungemein fesselnd, beängstigend realistisch und professionell geschildert. Der Schreibstil allerdings gemahnt eher an einen politischen Artikel in einem Wochenblatt à la Spiegel oder Zeit als an einen spannenden Roman oder gar Thriller.

Constantin Schreiber ist ein bekannter und renommierter Journalist und Buchautor und seit einigen Monaten außerdem Sprecher bei der ARD-Tagesschau. Darüber hinaus ist er Kenner der arabischen Welt, er ist der arabischen Sprache mächtig und hat einige Jahre in der Region gelebt. Er weiß also, besser als viele andere, worüber er schreibt.

Sein Roman, angesiedelt in Deutschland in etwa dreißig Jahren,  dreht sich um Sabah Hussein. Sie ist die „Kandidatin“. Sie ist Muslima, Feministin und kandidiert für das Amt der Bundeskanzlerin. Dass ihr dadurch noch mehr Hass und Feindschaft entgegenschlägt als sie es aufgrund ihrer Herkunft und Religion ohnehin schon (leider) gewohnt ist, verwundert nicht. Mit viel Sachkenntnis und viel Liebe für Details arbeitet Constantin Schreiber Herkunft, Hintergrund und Wurzeln all diesen Hasses aus, er beschreibt, wie die Menschen gestrickt sind, die so vehement, unter Einsatz von Gewalt und unter Akzeptanz jedweden Risikos gegen die Kandidatin und ihre Partei und vor allem ihre Prinzipien vorgehen.

Denn die Programme, für die Sabah Hussein auch steht, bedeuten Gleichstellung, ja geradezu Bevorzugung von allen, die Nicht-Deutsch, Nicht-Weiß, Nicht-Christ und Nicht-Mann sind. Dass das gegen jeden Glauben der versammelten Rechten im Land geht, muss man wohl nicht extra erwähnen. Für ausreichend Zündstoff in seinem Roman sorgt der Autor also in jedem Fall.

Dennoch bleibt der allerletzte Funke ungezündet, zieht der Roman die Leserin nicht so in den Bann, wie er es vom Thema her könnte und sollte. Constantin Schreiber schreibt wie ein Journalist, die Hintergrundgeschichten der Protagonisten und Nebenfiguren sind Berichte, werden erzählt und nicht romanhaft gezeigt. Das macht sie nicht weniger interessant, den Roman aber leider etwas trocken.

Dabei oder gerade deswegen sind alle Romanelemente so erschreckend realistisch und nah, vieles könnte genau so oder ähnlich auch heute geschehen, viele geschieht so oder ähnlich heute bereits.

Fazit: ein flüssig lesbarer Roman, die Handlung gewinnt mit der Zeit an Tempo und – auch wenn man manches erahnen kann – bietet er auch die eine oder andere Überraschung. Alles in allem ein lesenswertes Buch, vielleicht sollte man nur mit den richtigen Erwartungen herangehen.

Constantin Schreiber: Die Kandidatin.
Hoffmann & Campe, Mai 2021.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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