Connie Palmen: Die Sünde der Frau

Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith: Vier berühmte Frauen, vier Schicksale – ganz eigen und besonders, doch wenn man genauer hinschaut mit einigen Übereinstimmungen. Da wären die frühen Verluste der Väter, die starben, weggingen oder von ihren Ehefrauen aus dem Leben der Kinder getilgt wurden, und die komplizierten Beziehungen zu den Müttern. Da wäre der Schritt in die Öffentlichkeit, als Schauspielerin oder Schriftstellerin, mit dem gleichzeitig – durch einen neuen Namen – eine neue Identität erschaffen wurde.

Das Dilemma der Norma Jean Baker ist bekannt: Als Marylin Monroe ist sie ein Kunstprodukt, festgelegt auf die Rollen als (sehr blondes, etwas beschränktes) Sexsymbol. Sie wird durch Kameras erschaffen und beginnt erst zu leben, wenn Menschen ihre Blicke auf sie richten. Doch sie möchte eine ernsthafte Schauspielerin sein, ihrem Image entkommen, echt werden. Sie zweifelt an ihrer Begabung, ist zerrissen zwischen Dichtung und Wahrheit, glaubt nicht an sich. So flüchtet sie in Alkohol und Drogen, um ihr wertloses Leben zu ertragen, bis sie ihm im Alter von nur 36 Jahren selbst ein Ende setzt.

Connie Palmen sucht in Norma Jean Bakers Kindheit und Jugend nach Begründungen für diesen Selbsthass und die Verzweiflung und wird fündig.

Auch die Schriftstellerinnen Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith lassen sich mühelos in dieses Schema einreihen. Duras, geboren 1914 in Indochina, verarbeitet in ihren Romanen eine Kindheit und Jugend, die geprägt war von Misshandlungen durch ihren älteren Bruder Pierre, die (fast) inzestuöse Verbindung zu ihrem jüngeren Bruder Paul und einer Mutter, die nur Liebe für eines ihrer Kinder aufbringen konnte – für Pierre. Bowles, die nur einen Roman, ein Theaterstück und einige Erzählungen veröffentlichte, war immer Außenseiterin, immer anders als die anderen und entwickelte eine Reihe von Phobien und Ängsten, die sie in den Griff bekommen wollte, indem sie tat, was sie am meisten fürchtete. Und Highsmith war ein ungewolltes Kind, dessen Mutter ihr von einem Abtreibungsversuch mit Terpentin erzählte und so der kleinen Patricia das Gefühl vermittelte, keine Daseinsberechtigung zu besitzen. Später identifizierte sie sich in einem so hohen Maße mit ihren Figuren, vor allem mit Tom Ripley, dass ihr jedes Mal nach Beendigung eines Romans ihre Persönlichkeit verlorenging und sie in eine tiefe Krise stürzte.

Für alle drei war das Schreiben – wie für Norma Jean Baker das Schauspielern – überlebenswichtig, aber auch gefährlich. Manchmal wurde das erfundene Leben realer als das wirkliche. Doch was bedeutet schon „Wirklichkeit“?

Die vielfach für ihr Werk ausgezeichnete niederländische Autorin Connie Palmen analysiert in ihren vier Essays kurz, aber tiefgründig und treffsicher das Seelenleben dieser Frauen. Sie findet Gemeinsamkeiten, bezieht diese aufeinander und untermauert so die These, mit der sie in dieses kleine, sehr schön aufgemachte Buch eingestiegen ist: Dass es ein Muster gibt, das diese Frauen verbindet und dass der Sündenfall uns Frauen auch heute noch nachhängt.

Soll es Frauen überhaupt erlaubt sein, aus ihrem „normalen“ Frauenleben auszusteigen? Können sie es wagen, sich nicht einem Mann unterzuordnen und ihren eigenen Kopf zu haben? Dürfen sie unabhängig und selbstbestimmt leben?

Die vier porträtierten Frauen haben diese Fragen eindeutig mit „Ja“ beantwortet, aber gleichzeitig ihr Leben lang darunter gelitten. Sie erschufen sich neu, gaben sich andere Namen und versuchten so, – folgt man Palmens Ausführungen – ihre Herkunft zu tilgen. Gleichzeitig bestraften sie sich aber selbst – durch Drogen, Alkohol oder unmäßiges Leben – für diese Sünden.

Das Buch war für mich viel zu schnell zu Ende. Ich hätte gerne noch mehr über diese oder andere Frauen mit ähnlichen Erfahrungen gelesen, mich in ihre Lebensumstände vertieft und Parallelen gezogen. Die Essays von Connie Palmen sind spannend, erhellend und machen Lust, sich weiter mit „der Sünde der Frau“ zu beschäftigen und darüber nachzudenken, ob auch Frauen, die heute leben mit diesen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Ein kleines Buch, das viel Stoff zum Weiterdenken liefert und das ich sehr gerne allen empfehle, die die Rolle der Frauen in der Gesellschaft hinterfragen oder mehr über diese vier außergewöhnlichen Persönlichkeiten erfahren wollen.

Connie Palmen: Die Sünde der Frau: Über Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith.
Diogenes, März 2018.
96 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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