Clemens Berger: Der Präsident

Jay Immer arbeitet als Polizist in Chicago.  Wir schreiben die 1980-er Jahre. Geboren wird er 1926 als Julius Imre im österreichisch-ungarischen Grenzgebiet, dem Burgenland. Seine Eltern wandern mit ihm in die USA aus und weil dort niemand seinen Namen aussprechen kann, wird aus ihm Jay Immer.  Seine Frau Lucy meldet ihn ohne sein Wissen bei einem Wettbewerb an, bei dem eine Agentur Doppelgänger berühmter Persönlichkeiten sucht. Jay überzeugt als Ronald Reagan. Er quittiert seinen Dienst bei der Polizei und eröffnet, vorerst noch etwas unbeholfen, Vergnügungsparks, Autohäuser und Einkaufszentren. Das Geschäft läuft gut. Immer gewinnt an Sicherheit und lernt interessante Leute kennen. Vor allem jene, die mit Reagans Politik nicht zufrieden sind, kommen auf ihn zu. Er ist Reagan und auch wieder nicht.

Vorerst ist Jay darum bemüht, den Präsidenten so gut wie möglich zu imitieren. Bald kann ihn kaum jemand mehr von ihm unterscheiden.
Als Präsidentendouble beschäftigt er sich eingehend mit dem Original. Die Grenzen verschwimmen. Seine geliebte Gattin heißt zwar Lucy und nicht Nancy, aber er nennt sie schon mal liebevoll „First Lady“ und sie ihn „mein Präsident“. Außerdem wohnen sie ebenfalls in einem weißen Haus, wenn auch in Chicago.
Ein Besuch in der „alten Heimat“ Österreich wird für beide zu einem prägenden Erlebnis. Das Burgenland grenzt an den Eisernen Vorhang. Hier wird Weltpolitik spürbar.

Bald bemerkt Immer, dass er politische Angelegenheiten anders regeln würde als der Präsident. Seiner Meinung nach besser. Mittels Videobotschaften mischt er sich in das politische Geschehen ein. Vorerst noch in kleinem Rahmen als eindeutiger Präsidentendoppelgänger, dann aber immer deutlicher, massiver und lauter zum Beispiel in der Frage des Klimaschutzes. Als „der andere Reagan“ gewinnt er mediale Aufmerksamkeit und die des FBI.

Gemeinsam mit Klimaaktivisten und anderen Doppelgängern versucht er, eine Art Gegen-Realität zu kreieren. Eine bessere Welt. Die Menschen sollen zum Nachdenken angeregt werden und die Politiker zum Handeln. Immer versucht zu vermitteln, die Zukunft beginnt heute.

Aber aller missionarischer Eifer ist vergebens. Eine Begegnung des „wirklichen“ Reagan mit dem „anderen Reagan“ erschöpft sich in einer Floskel. Immer ahnt, auch Ronald Reagan ist nur ein Schauspieler und trägt einen vorgegebenen Text vor, wie er selbst.

Um dem FBI, Beschimpfungen und Hasskampagnen zu entgehen, zieht Jay sich zurück.

Andere „wirkliche“ Präsidenten wechseln einander auf der Weltbühne ab. Jay Immer dreht noch einige Jahre Webespots, eröffnet Kaufhäuser und beehrt Wohltätigkeitsveranstaltungen.

Seine Kampagne gegen den Klimawandel „Make Earth Great Again “, gemeinsam mit einem Gorbatschow-Double, verläuft im Sand.

Hochbetagt stirbt er noch vor seiner völlig dementen, geliebten Lucy in seinem weißen Haus in Chicago.

Kurz vor den Präsidentenwahlen in den USA darf man dem Buch „Der Präsident“ durchaus Aktualität attestieren. Die zentrale Frage, wieviel Macht der amerikanische Präsident tatsächlich besitzt und inwieweit er nur eine Marionette ist, ist von einiger Brisanz.

Auch das Migrationsthema steht beständig im Raum. Hier wird nur nicht nach Europa und Österreich eingewandert, sondern daraus ausgewandert.

Clemens Berger gelingt ein beschwingtes Buch. Keine allzu schwere Kost, vergnüglich zu lesen aber mit Hintergrund.

Clemens Berger: Der Präsident.
Residenz  Verlag, August 2020.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Karina Luger.

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