Clemantine Wamariya: Das Mädchen, das Perlen lächelte

Die Geschichte vom Mädchen, das Perlen lächelte, liebte Clemantine am meisten. Unzählige Male ließ sie sich die Geschichte von ihrem Kindermädchen Mukamana erzählen. Das Schönste daran war, dass Mukamana ihr immer nur die Figuren und die Grundvoraussetzungen vorstellte und Clemantine selbst weitererzählen ließ: „Was glaubst du, was dann passiert?“

Clemantine führt ein behütetes Leben im Wohlstand in Kigali, Ruanda. 1994 ändert sich alles. Ihre Welt schrumpft, erst darf sie nicht mehr in den Kindergarten, dann nicht mehr draußen spielen, später bleiben selbst die Vorhänge geschlossen. Immer öfter donnern Explosionen, Leute verschwinden. Sie wird zur Großmutter nach Butare geschickt, zusammen mit Claire, der neun Jahre älteren Schwester. Doch auch bei der Großmutter ist es nicht lange sicher, die Mädchen müssen weglaufen. Auf der Flucht vor dem Völkermord, der Hunderttausende das Leben kostet, können sie niemandem trauen. „Seltsam, wie man von einem Menschen, der von zu Hause weg ist, zu einem Menschen wird, der kein Zuhause mehr hat. […] Du bist überall und von allen Menschen unerwünscht. Du bist ein Flüchtling.“ (Zitat S. 42)

Clemantines Kindheit ist mit sechs Jahren zu Ende. Sie lebt mit Claire in Flüchtlingslagern unter katastrophalen Bedingungen, steht stundenlang nach Maisrationen an, tut alles, um sich sauber zu halten und ihre wenigen Besitztümer zu schützen. Das Schwerste jedoch ist, sich selbst nicht zu verlieren, ein Mensch zu sein mit einem Namen und mit Würde. Claire ist zum Glück unverwüstlich; überall findet sie Möglichkeiten, durch Schwarzhandel etwas Geld zu verdienen und das Überleben zu sichern. Die Flucht führt durch Burundi, Zaïre, Tansania, Malawi, Mosambik, Südafrika und Sambia und dauert mehr als sechs Jahre. Als Clemantine dreizehn ist, bekommen die Schwestern durch ein Flüchtlingsprogramm der UNO die Möglichkeit, in die USA einzureisen.

Mit der Ankunft in den USA ändert sich alles: Clemantine bekommt Pflegeeltern, die sich um sie kümmern, erhält eine gute Schulbildung. Doch sie hat das Gefühl, nicht sie selbst zu sein, sondern eine Rolle zu spielen – die Rolle eines  assimilierten Flüchtlingsmädchens. Sie wird rebellisch, vertraut niemandem, hat immer den nächstgelegenen Notausgang im Blick. Schon auf der Flucht hat sie begonnen, Steine zu sammeln, um eines Tages den Weg nach Hause zu finden. Nun sammelt sie Fotos, Eintrittskarten, Knöpfe. „Ein Teil von mir glaubt, wenn ich die einzelnen Stücke nur richtig arrangiere, […] dann kann ich eine Erzählung meines Lebens schaffen, die in meinen Augen schön und sinnvoll ist.“ (Zitat S. 49). Das ist eine schwierige Aufgabe, ebenso wie diejenige, sich trotz eines Auftritts bei Oprah Winfrey, bei dem sie unerwartet ihre tot geglaubten Eltern wiedersieht, trotz des erfolgreichen Studienabschlusses und vieler Vortragsreden nicht als Vorzeigeflüchtling instrumentalisieren zu lassen.

Sie erzählt nicht chronologisch, die Kapitel wechseln zwischen der Flucht und der Zeit in Amerika. Clemantines Zerrissenheit wird auch dadurch überdeutlich, niemals wird sie ihre Vergangenheit und ihre Verletzungen abstreifen können.

Mit dreiundzwanzig entdeckt sie durch einen Zufall die lange vergessene Geschichte vom Mädchen, das Perlen lächelte, wieder. Und die Frage: Was glaubst du, was dann passiert? Die Auseinandersetzung mit möglichen Antworten gibt ihr die Chance, die Wirklichkeit zu verstehen, zu akzeptieren und eine eigene Zukunft zu gestalten.

Mit ihrem Buch tritt Clemantine Wamariya aus der anonymen Masse von Millionen Flüchtlingen auf der Welt heraus. Eindringlich schildert sie den Verlust von Heimat und Zugehörigkeit, die Bedeutung kleiner Gesten der Hilfsbereitschaft, das Gefühl, als Flüchtling nicht nur ein Opfer von Krieg und Zerstörung, sondern in der öffentlichen Wahrnehmung mutmaßlich auch ein Opfer aufgrund einer angeborenen inneren Schwäche zu sein, die nicht abgelegt werden kann. Ihre These, dass Geben gut und wichtig ist, Wohltätigkeit jedoch auch zu Problemen führt, ist nicht neu, wird aber an vielen Stellen glaubhaft unterlegt. Sie plädiert dafür, zu teilen. „Wenn wir teilen, bestehst du nicht darauf, mein Retter zu sein.“ (Zitat S. 207)

Ein sehr lesenswertes Zeitzeugnis.

Clemantine Wamariya: Das Mädchen, das Perlen lächelte.
Droemer, November 2018.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Ines Niederschuh.

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