Claudia Sammer: Ein zögerndes Blau

Leon wächst geborgen auf in einem Haus voller Lachen und Musik. Doch seine glückliche Kindheit endet, als der Krieg über die Familie hereinbricht. Der Vater wird eingezogen, die Mutter wird mit ihren Söhnen in einen Zug ins Nirgendwo verfrachtet. Auf einem Bahnhof verliert Leon im Gedränge seine Mutter und seine Brüder. Er strandet in einem fremden Land an einem unbekannten Ort, findet andere Kinder mit demselben Schicksal und schließt sich mit ihnen zusammen. Gemeinsam überleben sie von dem, was sie im Wald und auf den Feldern finden oder sich erbetteln. Eine besondere Beziehung hat er zu einem kleinen Mädchen, das nicht redet und nichts von sich preisgibt. Leon nennt sie Teres. Als beide von einer Bauernfamilie aufgenommen werden, wird aus Leon Leonas und aus Teres seine Schwester. Ihre alten Identitäten scheinen ausgelöscht.

Die beiden müssen im Haushalt und in der Landwirtschaft mithelfen, aber sie haben genug zu essen und werden gut behandelt. Bald können sie sich in der fremden Sprache ausdrücken. Doch Leon leidet unter der Eintönigkeit. Er möchte vorankommen im Leben, möchte lernen, lesen, Neues erleben und seine Vergangenheit finden. Den ersten Schritt macht er, als er für eine Ausbildung zum Bäcker in die Stadt zieht. Teres leidet unter dem Verlust. Leon ist ihre engste Bezugsperson, ihr fester Verbündeter im Kampf gegen ihre Minderwertigkeitsgefühle und Selbstzweifel. Nur er kann zu ihr durchdringen. Mit seinen Geschichten entführt er sie in andere Welten, die sie sich nicht erschließen kann, weil sie kaum lesen und schreiben kann und ihre Fantasie erstickt ist.

Doch Leon lässt die Verbindung nicht abreißen, er fühlt sich verantwortlich. Teres wird ihr Leben lang an ihm hängen, in guten wie in schlechten Tagen.

Der österreichischen Autorin Claudia Sammer ist mit ihrem Debütroman „Ein zögerndes Blau“ eine wunderbar poetische, berührende, aber auch dramatische Geschichte gelungen. Sie begleitet Leon von seiner Kindheit bis ins Alter durch ein bewegtes Leben, das er über weite Strecken mit Teres teilt. Dabei ermöglicht sie den Leserinnen und Lesern den Blick aus verschiedenen Perspektiven und bleibt auch zeitlich nicht immer in einer chronologischen Reihenfolge. Auch die Ortsangaben sind vage, sie spricht von einem fremden Land, einer fremden Sprache, einer Hauptstadt oder einem Fluss. Doch die Wechsel der Erzählperspektive und die teilweise unklare zeitliche oder räumliche Einordnung der Vorkommnisse, die mich zu Beginn mancher Kapitel kurz aus der Bahn geworfen haben, haben ihren ganz eigenen Reiz und Sinn, weil sich so die Lebenspuzzle der Protagonisten Stück für Stück zusammensetzen und die Entwurzelung spürbar wird. Lücken bleiben dennoch bestehen, denn Claudia Sammer berichtet nicht erschöpfend über den Verlauf der Lebensgeschichten, sondern greift wichtige Szenen heraus und findet für innere und äußere Entwicklungen Bilder, die man nicht so schnell vergisst.

„Ein zögerndes Blau“ ist kein ganz einfaches, aber ein beeindruckendes Buch, das ich wärmstens empfehle und das viele Leserinnen und Leser verdient hat, weil es in einer ganz eigenen Sprache universelle Fragen nach Identität und Verantwortung, dem Verlust von Wurzeln und der Suche nach Sinn und Halt stellt.

Claudia Sammer: Ein zögerndes Blau.
Braumüller Verlag, Februar 2019.
220 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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