Claudia Sammer: Als hätten sie Land betreten

Lotti und Veza verbindet eine innige Freundschaft. Doch in den 1930er Jahren wird es für die beiden jungen Mädchen bald schwierig, diese Zuneigung offen zu zeigen. Die Jüdin Veza muss in eine andere Schule, sie dürfen sich nicht mehr sehen. Lotti kann sich nur zweimal in der Woche eine halbe Stunde für ein Treffen abknapsen. In dieser Zeit sind die beiden ganz füreinander da: „Wenn sie zusammen waren, erwachte das Leben. Sie konnten wieder staunen und erkundeten ihre Gedanken und Körper mit einer solchen Zartheit und Dringlichkeit, dass sie manchmal innehielten und sich wunderten, dass sie atmeten.“ (Kapitel „Und immer war es genug“, Seite 22)

Als die Situation immer bedrohlicher wird, wendet sich Veza dem christlichen Glauben zu, lässt sich taufen und geht in ein Kloster. Sie sieht darin für sich die einzige Möglichkeit, auch wenn dies die Trennung von Lotti bedeutet. Weder die Eltern noch Lotti verstehen Veza, doch sie lässt sich nicht davon abbringen. Auch der Eintritt ins Kloster wird Vezas Leben nicht retten. Lotti leidet ihr ganzes Leben unter dem Verlust. Sie heiratet, bekommt zwei Kinder und beginnt heimlich zu malen, um ihren Schmerz zu verarbeiten.

Viele Jahre nach Vezas Tod macht sich Lotti auf Spurensuche im Kloster. Dort lernt sie Schwester Dorothea kennen, die ihr von Veza – aus der Schwester Teresa geworden war – erzählt. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich ein Austausch, der beiden hilft, sich und ihre Umwelt besser zu erkennen.

Lottis Tochter Luna fühlt sich von der Mutter unverstanden und nicht gewollt, die Enkelin Alma driftet nach ihrem Magisterabschluss durchs Leben, ohne zu wissen, was sie will und findet im Organisten Kai einen Anker für sich. Doch Kais Lebensinhalt ist die Musik, Almas Anhänglichkeit wird ihm bald zu viel. Und dann ist da noch die andere Alma, Lottis Tante, die in den 1930ern eine moderne, selbstbewusste Frau mit Auto und Beruf ist und sich für ein Leben ohne Mann entschieden hat.

Um diese sechs Frauen dreht sich Claudia Sammers neuer Roman „Als hätten sie Land betreten“. Die österreichische Autorin stellt Szenen aus deren Leben nebeneinander und verknüpft sie lose. Die Chronologie ist aufgelöst, alles scheint gleichzeitig zu geschehen. Erinnerungen und Erlebnisse verbinden sich so zu einem Geschichtenteppich. Die Kapitel wirken manchmal schwebend, reduziert, zeitweise fast wie Fragmente. Man spürt die Suche der Protagonistinnen, die Unfertigkeit ihrer Gedanken und Empfindungen, ihre Zweifel und Abhängigkeiten, aber auch ihre Wünsche, ihre Träume und ihren Aufbruch in die Freiheit.

Doch dann gibt es wieder detailreiche, sinnliche Abschnitte, die die Geschichte erden und auch Gefühle greifbar machen. Über Vezas Verhältnis zu ihrer Familie wird beispielsweise Folgendes berichtet (Kapitel „Aber nicht die Nähe“, Seite 28): „Veza war stolz, sie würde ihren Weg gehen. Sie brauchte ihre Familie nicht, eigentlich hatte sie ihre Familie nie gebraucht. Immer waren sie geschäftig, man hatte Marillen oder Kirschen bekommen, man musste die Birnen und Äpfel versorgen, musste einkochen und einlegen, Kompotte und Marmeladen, Quittengelee und Powidl.“

Dieses Nebeneinander und Ineinander von innerem Erleben und äußerem Geschehen macht Claudia Sammers Roman ganz besonders. Man sollte sich Zeit nehmen und die Worte und Sätze auf sich wirken lassen. Wie schon in ihrem Buch „In zögerndes Blau“ haben mich die klare Sprache, die wunderschönen Bilder und die intensiven Einblicke in die Seelen der Protagonistinnen berührt.

Klare Empfehlung für alle, die zeitlose Geschichten mit Tiefgang, sprachlicher und stilistischer Finesse schätzen.

Claudia Sammer: Als hätten sie Land betreten.
Braumüller Verlag, September 2020.
176 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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