Claudia Durastanti: Die Fremde

Was für ein Buch. Ich tauche ein in den Wechsel der Ereignisse, versinke im Strudel von Verlieren und Wiederfinden, stehe staunend vor Gedankengebäuden und Sprachkunstwerken. Hin und wieder blitzt etwas Vertrautes auf, ich fühle mich erkannt. Oft genug fühle ich mich fremd.

„Die Fremde“ von Claudia Durastanti ist ein erstaunliches Buch. Jetzt, am Ende des letzten Kapitels, frage ich mich: Was habe ich gelesen, was war der Plan und wo das Ziel?

Zuerst und vor allem: Es handelt sich um eine wahre Geschichte. Die Ich-Erzählerin entrollt vor den Augen des Lesers die Welt ihrer Familie, ein Puzzle aus Orten und Ereignissen. „Die Geschichte einer Familie ähnelt eher einer topographischen Karte als einem Roman“, lese ich und sehe Schicht um Schicht ein kraftvolles und facettenreiches Bild vor mir entstehen, Banales, Schönes, Abgründiges; Wut, Glück, Alltag. Woher kommen wir, was macht uns aus, welche Verletzungen tragen wir mit uns herum? Was macht uns stark?

Claudia Durastanti erzählt uns die Geschichte ihrer Familie: Italienische Vorfahren, in den 60er Jahren ausgewandert und in Bensonhurst/Brooklyn neu begonnen. Sie verwebt Beziehungsfäden zu einem dichten Geflecht aus Banalem und Besonderem, aus Liebe und Wut und Alltag; ein Muster aus eigenen Erinnerungen und Berichten.

Nach ihrer Scheidung geht die Mutter der Autorin mit ihren beiden Kindern zurück nach Italien in ein kleines Dorf in der Basilikata ganz im Süden. Dahin, wo sie keiner kennt.

 „[…], als ich mit meiner Bank noch eine Insel im Klassenzimmer war und um mich herum nur stehende Gewässer“, schreibt sie über die Zeit des Ankommens in der neuen Heimat. Das Gefühl, die Neue zu sein, wird bleiben, verbunden mit der Angst, in irgendeinem Detail missverstanden zu werden, ganz gleich, ob in dem kleinen Dorf oder später in London.

Dieses Buch erzählt davon, wie es ist, sich fremd zu fühlen. Weil man den Dialekt nicht spricht. Weil man anders arm ist als die anderen. Weil man allein in einer fremden Stadt ist. Weil man sich nicht anpasst. Fremdheit hat viele Facetten. Selbst in der Familie fällt aus dem Raster, wer die Erwartungen nicht erfüllt. Mutter und Vater verbindet vor allem, dass sie beide taub sind, sich aber dagegen wehren, wie Taube behandelt zu werden. Das wird für die Kinder zum Spagat aus Schamgefühl und Loyalität. Erst als Erwachsene kann die Ich-Erzählerin ihre Mutter so annehmen, wie sie ist.

Ich habe mich am Anfang schwergetan, in den Text hineinzufinden. Die Geschichte verläuft nicht geradlinig, auch wenn der Zeitstrahl als Hilfslinie zu erkennen ist. Die Autorin wechselt immer wieder unvermittelt zwischen Ereignissen und Orten, es gibt immer wieder Sprünge entlang von Assoziationsketten, genährt aus Erlebtem, Gesehenen und Gelesenem. Der Text erfordert Geduld und er belohnt mit einer Fülle an starken Bildern und guten Gedanken.

Claudia Durastanti: Die Fremde.
Paul Zsolnay Verlag, Februar 2021.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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