Christine Féret-Fleury: Das Mädchen, das in der Metro las

Nichts in Juliettes Leben deutet darauf hin, dass es jemals eine Überraschung geben könnte. Ihre Eltern haben dafür gesorgt, dass ihr Weg ohne Hindernisse verläuft, die zu überwinden wären; sie ist zur Schule gegangen, hat studiert, sich vom großmütterlichen Erbe eine verkehrsgünstig gelegene Einzimmerwohnung in einem Pariser Viertel gekauft und arbeitet bei einem Immobilienmakler. In der Stellenanzeige war von Kontakt zu Menschen die Rede, deshalb hat sie den Job angenommen. Sie wollte auf andere zugehen und ein passendes Heim für deren Träume und Wünsche finden. Tatsächlich verbringt sie ihre Zeit nun mit den immer gleichen administrativen Aufgaben; sie verwaltet Akten. Jeden Morgen wappnet sie sich für die Welt mit einem Buch und nimmt die Metro Linie 6 zur Arbeit. Zum Lesen kommt sie in der Metro allerdings kaum, es ist zu spannend, andere Menschen mit ihren Büchern zu beobachten und sich etwas über sie auszudenken, über die ältere Dame, die auf jeder Fahrt dasselbe italienische Kochbuch liest, über den Herrn mit Hut, der täglich eine Dosis von zwei oder drei Seiten seines Insektenbuchs genießt, über die junge Frau, die immer in Tränen ausbricht, wenn sie auf Seite 247 angelangt ist. Anders als im richtigen Leben kennt Juliettes Fantasie keine Grenzen, wenn es um Bücher geht.

Die Mittwochnachmittage als kleines Mädchen im Antiquariat des Großvaters, der Geruch der Bücher und natürlich die Geschichten, die sie erzählten, haben sie geprägt. Für Juliette führen Bücher ein Eigenleben, zuweilen scheinen sie sogar Rechte einzufordern. Dass Bücher Menschen beeinflussen können, ist ihr jedoch nicht klar, bis sie eines Morgens spontan beschließt, einige Metrostationen früher auszusteigen und den Rest des Weges zu Fuß zu gehen. Zufällig gelangt sie zu einem ehemaligen Fabrikgebäude mit dem Schild Bücher ohne Grenzen, in staubige Räume, die mit gebrauchten Büchern angefüllt sind, und zu Soliman, der ein ganz besonderes Verhältnis zu Büchern hat. Ohne recht zu wissen, wie ihr geschieht, wird Juliette eine von Solimans Kurieren, die für jedes Buch genau den richtigen Leser finden sollen. Sie landet den einen oder anderen Glückstreffer und erkennt, dass Bücher das Leben verändern können, wenn man sich darauf einlässt.

„Das Mädchen, das in der Metro las“ ist ein Büchermärchenbuch für alle, die gerne lesen, die ihr Herz an Bücher hängen können und es lieben, Geschichtenfäden zu spinnen. Nett und unterhaltsam. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.

Christine Féret-Fleury: Das Mädchen, das in der Metro las.
DuMont Buchverlag, Juni 2018.
176 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Ines Niederschuh.

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