Christina Hesselholdt: Vivian

Die dänische Schriftstellerin Christina Hesselholdt (Jahrgang 1962) hat einen Roman über die weitestgehend unbekannte US-Amerikanerin und Fotografin Vivian Maier geschrieben. Unter dem Titel „Vivian“ ist dieser in einer Übersetzung von Ursel Allenstein am 20. Juli 2020 bei Hanser Berlin erschienen.

Vivian Dorothea Theresia Maier wurde 1926 in New York City geboren. Ihre französische Mutter Maria Jaussaud und ihr österreichischer Vater Karl Wilhelm von Maier kamen als Immigranten in die USA. Außerdem hatte sie einen Bruder, Charles oder Carl genannt. Vivian arbeitete als Kindermädchen verschiedener Familien in New York City und Chicago. Als sie 2009 starb, entdeckte man in ihrem Nachlass 200.000 Schwarz-Weiß-Fotos. Die meisten davon nicht entwickelt und nie veröffentlicht. Darunter Alltagsfotos und Selbstporträts.

Der Makler John Maloof ersteigerte einige der Fotos aus Vivian Maiers Nachlass und veröffentlichte sie im Internet. Danach setzte großes Interesse an den Fotografien ein, und Vivian Maier wurde als Künstlerin posthum berühmt.

Christina Hesselholdts Roman „Vivian“ zeichnet ein fiktives Porträt dieser Frau, die zeitlebens fotografierte und ihre Werke konsequent unter Verschluss hielt.

Dies gibt viel Raum für Spekulation, und so schafft Hesselholdt eine ganz eigene Lebensgeschichte von Vivian Maier. Sie läßt Vivian selbst und Personen aus ihrem Leben zu Wort kommen und setzt einen ganz köstlichen Erzähler ein, um das Gesagte zu kommentieren. So erscheinen die Familie Rice mit Ellen, bei denen sie als Kindermädchen arbeitete, ihre Mutter Maria oder die Fotografin Jeanne Bertrand, bei der Vivian mit ihrer Mutter wohnte und weitere Verwandte im Buch. Alle erzählen, wie sie Vivian erlebt haben. Durch Vivians eigene fiktive Stimme erfahre ich als Lesende ihre Sicht auf das Leben. Die unterschiedlichen Stimmen werden in kurze Absätze gegliedert, was das Lesen zunächst etwas anstrengend macht. Schnell jedoch findet man sich unter dem Erzählpersonal zurecht und lernt die unterschiedlichen Sichtweisen schätzen. Unterstreichen sie doch das Rätselhafte der Person Vivian Maier. Und dieser Erzähler aus dem Heute ist eine wirklich famose Idee, die dem Buch ein gewisse Leichtigkeit verleiht.

Vivian Maier nämlich ist in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, in denen ausschließlich die Großmütter ein wenig Halt boten. Ihr Vater trinkt und drangsaliert die Familie. Die Mutter verbringt die Tage im Bett. Der Verlust der „alten“ Heimat wirkt auf das „neue“ Leben in den USA. Weder Eltern noch Kindern gelingt ein sozialer Aufstieg. Der Bruder wird drogenabhängig. Vivian schlägt sich allein und mit unterbezahlten Jobs durchs Leben. Das Fotografieren wird zur Leidenschaft, zur Obsession. Aber auch das Sammeln von Dingen aller Art. Vivian Maier würde man heute als Messie bezeichnen.

Christina Hesselholdts „Vivian“ ist keine sympathische Frau. Sie zwingt das ihr anvertraute Kind Ellen zu essen und stopft ihr Lebensmittel in den Mund. Sie ist unhöflich und beim Fotografieren häufig übergriffig. Sie sammelt Müll. Sie erzählt nie über sich selbst. Und doch gelingt es Hesselholdt,  Bewunderung beim Lesenden für die Figur Vivian Maier zu erzeugen. Für ihre Konsequenz, ihre Radikalität und ihr Talent.

Christina Hesselholdt hat aus einer realen Person eine literarische gemacht. Und dabei die Frage nach dem künstlerischen Wert  des fotografischen Schaffens von Vivian Maier offen gelassen.

Ist „Vivian“ der Roman über eine unbekannte Künstlerin oder eine verrückte Frau? Bitte lesen Sie selbst!

Christina Hesselholdt: Vivian.
Hanser Berlin, Juli 2020.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 21,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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