Christina Henry: Die Chroniken von Alice 01: Finsternis im Wunderland

Wer kennt sie nicht – die Geschichten von Alice, die ins Wunderland reist und dort sprechenden Tieren begegnet. Die Geschichten haben junge wie alte Leser seit ihrer Entstehung 1865 / 1871 in ihren Bann gezogen. Die US-Amerikanierin Christina Henry nimmt nun die Motive aus den beiden Bänden und schafft hier, natürlich unter Beigabe eigener Imaginationen, etwas Neues, etwas Anders, etwas Gruseliges! Statt eines skurrilen Kinderbuchs erwartet uns in dem ersten Teil ihrer Fortschreibung ein vehementer Horror-Roman.

Wir lernen Alice hinter dicken Mauern eingeschlossen kennen. Seitdem es ihr gelang, dem sie gefangen haltenden Hasen zu entkommen hat ihre Familie aus der Neustadt sie verschämt in der Irrenanstalt deponiert. Unter Drogen gesetzt soll die geschändete, blutüberströmt Geflüchtete hier den guten Ruf der Familie nicht länger schädigen. An ihr Martyrium hat sie Dank der seit zehn Jahren dem Brei beigemischten Drogen keine Erinnerungen mehr.

Als die Anstalt in Flammen ausbricht hat sie es nur ihrem Zimmernachbarn, einem Axtmörder zu verdanken, dass sie nicht ein Raub der Flammen wird. Gemeinsam fliehen sie, nicht ahnend, dass das Feuer einen weiteren Inhaftierten, den finsteren Jabberwock freigesetzt hat.

Zusammen machen sich unsere beiden Geflüchteten auf, die Geheimnisse ihrer Vergangenheit aufzudecken. Dabei stoßen sie auf in der Stadt eigentlich verbotene Zauberer, die die Reviere der alten Stadt unter ihre Herrschaft gezwungen haben. Nur gemeinsam – hier die Axt, dort die Macht der magischen Wünsche – können sie ihren vielen Feinden entgehen, die Wahrheit aufdecken und blutige Rache üben. Doch dann ist der Jabberwock hinter ihnen her – und hinterlasst eine grausame Spur aus gnadenlos hingemetzelten Leichen.

Unsere Flüchtlinge schleichen sich, immer getrieben von dem sie verfolgenden Dunkel, durch die Niederungen der von Banden kontrollierten Elendsviertel der alten Stadt, Viertel von deren Existenz niemand in der sauberen Neustadt etwas wissen will. Und sie begegnen denen, die dort das Sagen haben. Dass diese alle sie und ihre Vergangenheit weit besser kennen als sie selbst, erweist sich als Krux – doch es zeigt sich, dass sie so allein und chancenlos dann doch nicht sind – bis sie auf einen Mann mit Hasenohren, den Grinser und schließlich dem Jabberwock stoßen…

Nun könnte man meinen, ja befürchten, dass uns die Autorin einen lauen Aufguss des Originals kredenzen würde. Doch die in New York geborene Autorin präsentiert uns ein Wunderland, das weit düsterer, furchterregender und grausamer daherkommt, als das Original. Schon die Anfangssequenz weist hier den Weg. Das Irrenhaus in dem wir unsere Alice kennenlernen, in dem sie, das unschuldige Opfer der öffentlichen Meinung oder doch wegen etwas ganz Anderen weggesperrt wird, der erste Auftritt des Axtmörders, die Bedrohung des mordlüsternen Schattens – das ist bester Horror. Man kann getrost sagen, dass Henry uns eine upgedatete Version von Alice präsentiert. Modern erzählt rast die Handlung von einem dramatischen Höhepunkt zum Nächsten, werden die Gewaltszenen fast nüchtern beschrieben. Hier wird nichts ausgeblendet, weichgespült oder verschwiegen. Wir sehen geschändete und missbrauchte Kinder, Naturwesen und Unschuldige, die den Launen ihrer Besitzer ausgesetzt sind. Das ist bedrückend, wirkt real und macht den Leser betroffen.

Hier muss man sich – natürlich auf Seiten unserer Rächer inklusive des Axtmörders (!) – positionieren. Opfer gibt es Viele, die allermeisten von ihnen haben ihr Schicksal nicht verdient. Die Leichen im Rampenlicht aber sind allesamt Unsympathen, die ihr Schicksal herausgefordert haben.

Es ist eine grausame Welt, die uns Henry hier offeriert. Eine Welt, in der Gewalt gegen Schwächere, gegen Frauen und Kinder alltäglich ist, in der nur der Stärkere, der Brutalere, der Selbstsüchtige überlebt. Alice schlüpft in die Rolle der Rächerin stellvertretend für all die Opfer, die ihr auf ihrem Weg begegnen. Hatcher, der Axtmörder erweist sich dabei als erstaunlich tiefgründig und sein Charakter wird im Verlauf der Handlung immer weiter ausgebaut.

Der Ansatz, uns zusammen mit den zunächst unwissenden Hauptfiguren in die Welt zu werfen, die wir erst mit unseren Protagonisten erkunden, erweist sich als gelungen. Nach und nach setzen wir wie bei einem Puzzle die Informationen zu einem Bild zusammen. Die Gewaltschilderungen sind dabei deutlich, definitiv nichts für schwache Gemüter (aber auch nicht extrem).

Das Finale selbst ist dann ein ganz klein wenig enttäuschend, zu sehr war die Spannung hier im Vorfeld aufgebaut worden – doch, im Herbst geht es ja weiter mit dem zweiten Teil der Saga – und da wartet dann vermutlich der magische Osten auf unsere beiden Helden. Krasse Geschichte und so ganz anders, als das Vorbild – und das Buch ist darüber hinaus ein wahrer Augenschmaus – mit Häschen-Hoppelspuren auf dem Buchschnitt – da hat sich der Verlag wirklich etwas einfallen lassen!

Christina Henry: Die Chroniken von Alice 01: Finsternis im Wunderland.
Penhaligon, März 2020.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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