Christina Dalcher: Vox

Die USA der Gegenwart. Frauen ist es pro Tag nur noch erlaubt 100 Worte zu sprechen, dann verstummen sie bis Mitternacht, da ein Armband an ihrem Handgelenk ihnen sonst unsagbare Schmerzen zufügen würde. Die Arbeitswelt hat sich dadurch maßgeblich verändert, ja, ist auf die Hälfte zusammengeschrumpft, denn keine Frau kann unter diesen Bedingungen arbeiten gehen. Sie sind dazu verdammt, sich um die Familie zu kümmern und Kinder zu bekommen. Auch Jean McClellan musste ihren Job als Wissenschaftlerin aufgeben und sieht nun mit Bangen, in welcher Welt ihre kleine Tochter, für die die Regeln gleichermaßen gelten, aufwachsen muss. Als sich ihr ältester Sohn auch noch einer der religiösen Bewegungen anschließt, weiß sie keinen Ausweg mehr. Doch sie erhält eine großartige Chance, denn Jean ist eine der wenigen Menschen in den USA, die dem Bruder des Präsidenten helfen können, der nach einem Unfall im Koma liegt. Jean darf unter ganz bestimmten Umständen wieder in ihrem Job arbeiten!

„Vox“ stellt die Welt auf den Kopf und macht alle feministischen Errungenschaften rückgängig. Nach der Wende im Umgang mit den Frauen ist es gar schlimmer als vor dem Feminismus. Frauen haben in der Gesellschaft nichts mehr zu sagen und 100 Worte sind tatsächlich sehr, sehr wenig. Jean unterhält sich meist nur noch in 1-Wort-Sätzen, spricht nur das allernötigste. Nicht einmal ihre Tochter kann sie trösten, mit den Nachbarn ein Schwätzchen halten oder dem Briefträger Hallo sagen. Viel zu kostbar sind die 100 Worte. Als sie die Chance erhält, wieder in ihrem Job zu praktizieren, sagt sie dennoch nicht sofort zu. Jean hat Bedingungen, unter denen sie arbeiten wird, und erkennt schnell, dass das Wissen in ihrem Kopf sehr wertvoll ist.

Die Geschichte klingt faszinierend, wenn auch nicht neu. Auch andere Autoren und Regisseure haben sich an ähnlichem versucht. Daran scheitert „Vox“ allerdings letztlich nicht. Die Geschichte ist gut geschrieben, sehr knapp erzählt, aber man hätte viel mehr aus der Idee machen können. Die Perspektive ist auf Jean beschränkt, die zwar aber eine spannende Persönlichkeit darstellt, aber sehr einseitig in ihrer Sicht ist. „Vox“ plätschert so an einem vorüber, bleibt zwar geringfügig in Erinnerung, aber das nur wegen der guten Idee, nicht wegen der tollen Umsetzung. Christina Dalcher verschwendet mit ihrem Erzählstil das komplette Potenzial der Geschichte.

Allenfalls nett, aber der ganz große Wurf ist das nicht.

Christina Dalcher: Vox.
Fischer, August 2018.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Janine Gimbel.

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