Christian von Aster: Der Orkfresser

Lieben Sie Fantasy? Zieht es sie auch gerne, an der Seite junger, entwicklungsfähiger Helden in Begleitung eines Zauberers mit spitzem Hut in die Weiten einer archaischen Landschaft? Genießen Sie es, bei einem vertrauten Lagerfeuerabend mit Barden, Elfen und Rittern zu parlieren und am nächsten Morgen gegen die wilden Horden der Zwerge, Vampire oder gar Orks zu Felde zu ziehen? Dann hören Sie sofort auf zu lesen, und fassen Sie das neueste Buch vom in Leipzig lebenden, den deutschen Sprachraum mit seinen darbietenden Lesungen bezaubernden von Aster nicht einmal mit der sprichwörtlichen Zange an. Denn dort stoßen Sie auf einen, der Sie mit ihrem liebsten Lesefutter versorgt – sprich einem Autor. Einem Fantasy-Autor, schlimmer noch einem erfolgreichen Fantasy-Schriftsteller, ganz, ganz schlimm, einem Bestsellerverfasser einer Serie!

Aaron Tristen hat mit seiner Fantasy-Serie „Engel gegen Zombies“ das erreicht, von dem ein jeder Autor träumt. Er ist berühmt, mehr noch wird umschwärmt und verdient sich eine goldene Nase. A pro pos Nase – ja auch das berühmte weiße Pulver kann er sich leisten, ebenso wie zwei großzügige Appartements in Metropolen unseres Landes, Geld hat er weit mehr zur Verfügung, wie Nerven. Die lassen in letzter Zeit gewaltig zu wünschen übrig, wenn er seinem andächtig lauschenden Publikum aus seinem neues literarischen Erguss vorliest und signiert, dass ihm die Griffel wehtun. Dass sein Manager, um die Stimmung zu heben, immer eine Cos-Player Truppe Orks anheuert, geht unserem Tristen gewaltig auf den Geist. Er weiß, dass das was er produziert, was auf den Bestsellerlisten auftaucht und in weiß Gott wie viele Länder verkauft wurde, ja selbst ein Filmdeal steht an, schlicht Mist ist, aber das Publikum liebt es, seine Fans vergöttern ihn. Beim großen A hat er nur 5 Punkte Rezensionen, selbst das Feuilleton lobt seine Machwerke.

Eines Tages dreht er, angetunt vom Koks durch, und verprügelt die Orks in der Buchhandlung. Er kann nicht mehr, bricht aus aus all den Zwängen seines ach so erfolgreichen Lebens und flieht nach Leipzig, wo er untertaucht. Hier wird er überfallen, gerät ins Visier der Polizei wie einer Rockerbande, die ihn umbringen will und lernt einen Migranten kennen, der eine literarische Selbsthilfegruppe leitet. Dank einiger kleiner Pillen begleiten ihn in der Folge die Gestalten aus allerlei phantastischen Büchern der Weltgeschichte, doch selbst diese können nicht verhindern, dass sein Absturz ins Elend, ins Selbstmitleid und in die Bedeutungslosigkeit seinen Weg nimmt. Und doch merkt er, dass er zum ersten Mal sein Jahren Texte zu Papier bringt, die nicht Schrott sind, die Niveau haben. Und er lernt Menschen kennen, die alle ihr ganz eigene Schicksal haben, die ihm weit mehr geben könne, als Ruhm und Geld …

Was ist das für ein Buch, das Christian von Aster hier vorlegt? Ist es ein Fantasy-Roman, wie man ihn beim Tolkien-Verlag erwarten würde, ja erwarten müsste? Nein, eigentlich nicht, nicht wirklich zumindest, auch wenn es phantastische Sequenzen gibt. Ist es ein spannendes Buch mit Action und Tempo? Ja, es gibt gefährliche Situationen, Überfälle, es wird gekämpft, es fliegen Kugeln, Menschen werden getötet – und doch stehen diese Elemente nie im Vordergrund. Was ist es dann? Ein Buch über die Krux, sich für Geld und Erfolg zu prostituieren, ein Buch über die Verzweiflung, die Einsamkeit im Bestseller-Dasein, ein Roman über die Bedeutungslosigkeit materieller Werte, ein Titel über einen Menschen, der auf der Suche nach sich ist – ja all dies ist zwischen den Buchdeckeln enthalten.

Ist es also ein weises, ein gehaltvolles Buch – ja definitiv. Ist es ein trauriges, oder ein lustiges Buch? Von Beidem etwas, es gibt ergreifende Szenen im Roman, dann wieder Situationen, die uns Schmunzeln, ja laut loslachen lassen. Wird es ein erfolgreiches Buch werden? Nun, was die Annahme beim Publikum anbelangt, den merkantilen Erfolg wohl leider eher nicht. Dazu ist es einfach zu speziell, zu sehr auf die Szene und ihre Eigenheiten, ihre Verfasser, Fans und Macher zugeschnitten. Dabei ist der Plot durchaus unterhaltsam, tempo- und abwechslungsreich, doch letztlich der Nische zugewandt.

Trotzdem, oder gerade deswegen – wenn Sie einmal abseits der ausgetretenen Pfade unterwegs sein wollen, wäre das sicherlich ein Roman, der ihnen dabei gut zu Gesicht stände. Mir hat er auf jeden Fall gefallen.

Christian von Aster: Der Orkfresser.
Klett-Cotta, März 2018.
352 Seiten, Taschenbuch, 14,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.