Christian Siry: Aussteiger Storys: Von Menschen, die auszogen, ihren Traum zu leben

Ja, es bedient viele Klischees, und gleichzeitig löst es sie immer wieder in ihre Bestandteile auf. Ich fühle mich wie Chewbacca, dieser Bären-Hunde-Yeti von Star Wars, in der Taverne auf dem Planeten Tatooine, wo sich jegliches Weltraumvolk auf ein Bier oder ein psychedelisches Tröpflein trifft. Viele bunte Wesen, die in vielen bunten Welten leben und nun einen dicken Farbtupfer ins nordhessische Fachwerk-Schwarz-Weiß klecksen.“ (S. 149)

Der Autor Christian Siry ist einen Sommer lang in seinem Bus durch Deutschland gereist und hat elf Menschen getroffen, um ihre kunterbunten Lebenskonzepte zu zeigen. Dabei hat er die Welt nicht in ihrer Weite, sondern in ihrer Tiefe ausgelotet und erzählt „vom Aussteigen aus einer genormten Realität und Einsteigen in ein Paralleluniversum, welches dann beginnt zu existieren, wenn wir es für möglich halten.“ (S. 11)

Beim Lesen hat mich der wundervoll lebendige Schreibstil begeistert, der mich superschnell tief eintauchen ließ. Die einzigartigen Illustrationen von Piwi Howland haben mich zusätzlich jede Seite, auf der sie mich überrascht haben, genießen lassen.

Christian gewährt uns unglaublich spannende Einblicke, bspw. in ein rollendes „Knusperhäuschen“, eine Künstlerkommune, einen kreativen Lebensort mitten in der Natur – oder dem Hof der Träume und der Rainbow-Family, in der die vielen Kinder auf einem Hoffest „so wild und frei wirken, wie es auch die Erwachsenen gerne sein mögen“. (S. 146)

Besonders bemerkenswert empfand ich auch den exklusiven Blick von Birgit in die Vergangenheit der berühmt berüchtigten Kommune des Gurus Otto Mühl, in der auch mal 70 Leute in einer 120-qm-Wohnung lebten. Die Einzugsbedingung: keine 2er-Beziehung.

Nichts konnte geheim bleiben, die allseits so hochgeschätzte Privatsphäre war aufgelöst.“ (S. 113)

Wie der Autor selbst sagt, ist „Aussteiger Storys“ kein schillernder Abgesang auf die „noblen Wilden“ dieser Zeit, denn wie überall lauern auch auf alternativen Lebenswegen verschiedenster überlappender Realitäten Staub, Rost und Stolperfallen.

Für mich ist dieses Werk ein großes Lesevergnügen, das ich absolut weiterempfehlen kann! Denn es sind Lebenswelten und Geschichten, die in meinem Kopf bleiben – die das Buch in mir nachhallen lassen und ihm eine bedeutsame Tiefe verleihen.

Christian Siry: Aussteiger Storys: Von Menschen, die auszogen, ihren Traum zu leben.
Wenn Nicht Jetzt-Verlag, Mai 2022.
199 Seiten, Taschenbuch, 16,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Olivia Grove.

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