Christian Guay-Poliquin: Das Gewicht von Schnee

In diesem Buch gibt es keine Gewissheiten. Wenn überhaupt, dann nur diese: Wie hoch der Schnee liegt. Der namenlos bleibende Ich-Erzähler kann die Schneehöhe mit einem Fernrohr an einem Messstab ablesen. Er beobachtet, wie der Schnee fällt, wie sich das Licht mit dem Wetter wandelt. Nach einem schweren Autounfall ist er mit zwei gebrochenen Beinen ans Bett gefesselt. Eigentlich wollte er nach vielen Jahren in seinem Heimatdorf den Vater besuchen, doch er kam zu spät. Der Vater war gestorben und der Stromausfall hat alles verändert. Die Menschen versuchen sich in ihrem stromlosen Leben einzurichten, es gibt Straßensperren, bewaffnete Gruppen, die durch die Gegend ziehen. Manche wollen an die Küste, andere in die Stadt, obwohl auch dort wahrscheinlich der Strom ausgefallen ist. Was genau passiert ist, weiß man nicht. Alles außerhalb des Dorfes bleibt undeutlich hinter Flockenwirbeln aus Schnee. Vielleicht gibt es gar keine Zivilisation mehr.

Auch der alte Matthias will in die Stadt, zurück zu seiner demenzkranken Frau. Er hat sie dort im Krankenhaus zurückgelassen, nur für ein paar Tage, er musste mal raus. Dann kam der Stromausfall. Matthias ist im Dorf gestrandet und bezog ein leeres Haus abseits am Waldrand. Die Dorfbewohner mögen keine Fremden, doch sie bieten ihm einen Deal an: Wenn er sich um den Verletzten kümmert, der immer noch irgendwie einer der Ihren ist, versorgen sie ihn mit Lebensmitteln und Brennholz und er bekommt einen Platz im Kleinbus, sobald sie in die Stadt fahren können. Nach dem Winter.

Es wird ein harter Winter mit meterhohem Schnee. Der Ich-Erzähler und Matthias sind seine Gefangenen, eingesperrt in die Veranda des leerstehenden Hauses – sie lässt sich am einfachsten warmhalten. Im Schnee verlieren sich Raum und Zeit, das Leben dreht sich um den Kanonenofen, Essen, Verbandwechsel. Irgendwann halten die bislang gut organisierten Dorfbewohner nicht mehr zusammen, die Lebensmittelvorräte schwinden, es wird geplündert, jeder denkt vor allem an sich. Auch Matthias. Auch der Erzähler. Der Frühling scheint in unerreichbarer Ferne zu sein, ebenso wie die Genesung des Verletzten. Mit der Schneehöhe steigt der Druck, der nicht nur das Dach der Veranda zum Einstürzen bringt.

Die Handlung ist überschaubar, dafür sind die Naturgewalten umso mächtiger. In einer wunderbar poetischen Sprache beschreibt der Autor den Winter, das Schimmern des Schnees, die verschiedenen Arten, wie Flocken fallen, wie ein Regen alles in eine harte Eisschicht hüllt. Er lässt mich so nahe an den verletzten Mann heran, dass ich die Schmerzen, die Kälte, die aufgezwungene Zweisamkeit, das Verlorensein im Schnee spüren kann. Und wie es ist, ganz auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Es geht ums Überleben – und damit immer auch um die Hoffnung, dass der Winter enden wird.

Ein zu Recht preisgekrönter Roman, nicht nur im Winter lesenswert.

Christian Guay-Poliquin: Das Gewicht von Schnee.
Hoffmann und Campe, Oktober 2020.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Ines Niederschuh.

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