Charlotte McConaghy: Zugvögel

Am Ende war ich doch insgesamt enttäuscht. Denn alles fing relativ spannend an. Eine Frau erzählt die Geschichte ihres dramatischen Lebens. Aber im Laufe des recht umfangreichen Romans, stellte sich bei mir eine gewisse Langeweile ein, aber fangen wir mal vorne an. Zum Backround: wir befinden uns in einer Zeit, bei der auf der Erde auf Grund des Klimawandels, des Plastikmeeres und des Artensterbens, quasi nur noch der gierige Mensch herumtappert. Es geht also um die Zeit nach dem alles „gekippt“ ist, also alles unumkehrbar ausgerottet ist, was so auf der Welt mal kreuchte und fleuchte. So gut wie keine Fische -, keine wilden Tiere und (fast) keine Vögel mehr  Eine Science Fiction Dystopie wie sie im Buche steht. (!) Raten wir mal, dass es sich um das Jahr 2070 handeln muss, oder etwas später. In dieser Endzeit lebt also Franny, bzw. wächst auf als eine Art Mischung aus Pippi Langstrumpf und Arielle der kleinen Meerjungfrau. Später dann eher als eine weibliche Form des Neptuns, wütend und unberechenbar! Franny hat schon als Kind eine intensivste Beziehung zu allem was lebt – und stirbt fast, wenn sie ein totes Tier sieht, vor allem wenn es ein Vogel ist.

Franny, stur und starrköpfig, hatte es nie leicht, wuchs sie doch, hin und her geschuppst, zwischen Irland und Australien auf. Der Vater in Down Under ein inhaftierter Mörder, die irische Mutter verlässt sie früh ohne eine Spur zu hinterlassen. Bei der Oma väterlicherseits, ein Drachen, wächst sie auf.  Hier irgendwo fängt ihre Todessehnsucht an, die sie durch den ganzen Roman begleitet. Und weil man ja sowieso lieber tot als lebendig ist, kann einem die übrige Welt ja auch scheiß egal sein. Durch den ganzen Roman zieht sich der extremste Egoismus von Franny, gespeist durch die erwähnte Todessehnsucht. Dazu kommt pathologisches Schlafwandeln und ab und zu findet sie sich erwachend in kältesten Polarmeeren, tauchend und schwimmend, wieder. Franny lernt in einer etwas ruhigeren Phase einen Ornithologen kennen den sie relativ fix heiratet – denn es gibt so eine Art Seelenverwandtschaft. Dieser Professor, namens Niall, weiß von einer letzten Brutkolonie der Küstenseeschwalben in Grönland, und als eine Art Vermächtnis, trägt er Franny auf, sich um den Vogelzug dieser Gattung von der Arktis zur Antarktis zu kümmern.

Hier in Grönland fängt das Buch an, wo sie unter Mühen in der Küstenseeschwalbenkolonie drei Tierchen mit Peilsendern beringt. Jetzt braucht sie nur für sich und ihren Laptop noch eine Art Mitfahrgelegenheit und findet eine, bei der alles verblüffend an Herman Melvilles „Moby Dick“ erinnert. Eine Art Captain Ahab gibt es hier nämlich auch in Form von Ennis, der mit seiner wilden Crew in Grönland auf der Suche nach letzten Fängen ist. Franny überzeugt alle mit der Story, man brauche nur den Küstenseeschwalben folgen, dann würde man den Fang des Lebens machen (wie die Poqued den weißen Wal). Es gibt eine ungeheure Zahl von Rückblenden in die schweren Zeiten von Franny, auch von einem Knastaufenthalt in Limerick, von der erfolglosen Suche nach ihrer Mutter oder einem Ausflug in so eine Art Jurassic Park, im Norden Schottlands. Nur handelt es sich hier nicht um Dinos, sondern man versucht verzweifelt Tiere zu retten, wie Eichhörnchen, Bären oder Wölfe. Über allem steht die Melancholie (bei Melville ist es die von Ismael, dem Schiffsjungen) und dem ständigen Wunsch Frannys  lieber heute als morgen Tod zu sein. Etwa wie wenn man am Rand einer 1000 Meter tiefen Schlucht steht, und man spürt, wie sie einen hinab zieht. Vorher aber noch das Buch zur Seite legen. Empfehlenswert für Endzeitpropheten, und irgendwo bin ich ja auch einer. Einen wunderbaren Satz habe ich allerdings in dem Buch gefunden: „Man kann die Wirkung eines Lebens am dem messen, was es gibt und was es hinterlässt, aber man kann sie auch an dem messen, was es der Welt wegnimmt“.

Charlotte McConaghy: Zugvögel.
Fischer, August 2020.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Fred Ape.

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