Charlie Human: Apocalypse Now Now. Schatten über Cape Town

apokalypseCape Town, die Metropole am südlichsten Zipfel Afrikas hat seine Glanzzeit lang hinter sich gelassen. Sicherlich, es gibt sie noch, die Villenviertel, natürlich wohlbehütet von privaten Sicherheitsdiensten, in denen die weiße und schwarze Oberschicht ihr Leben abgeschottet führt. Doch den meisten Bewohnern, gleich welcher Hautfarbe, geht es dreckig.

So wie mir. Ich heiße Baxter, bin 16 Jahre alt, habe ein psychisches Problem (sagen meine Eltern und mein Seelenklempner) und verdiene mir mein Zubrot durch einen schwunghaften Handel mit abgefahrenen Pornos auf dem Schulhof. Als meine Freundin von einem irren Serienkiller gekidnapped wird, mache ich mich auf die Suche nach ihr – schließlich weiss man, dass auf die Polizei kein Verlass ist. Ich engagiere einen paranormalen Kopfgeldjäger und schon ist die Scheiße so richtig am Dampfen. Ja, jetzt stutzen sie – paranormal, psychische Beschwerden, ganz klar, der Baxter, der spinnt. Doch dem ist nicht so!

Unbemerkt von den meisten Menschen gibt es nämlich Zwerge, Trolle, Rabenmenschen, Spinnenwesen, Elfen und Seher wirklich. Und die sind nicht kuschelig! Sie wurden von dem Apartheid-Regime gejagt, untersucht und ausgenutzt, bis hin zum Genozid. Woher ich das weiss? Nun, ich entstamme einer Linie von Sehern und der Leiter vom MK6, der höchst geheimen Regierungsinstitution, die die übernatürlichen Wesen untersucht und jagt, ist hinter mir her.

Meine einzige Chance nicht hilflos einen grausigen Tod auf dem Seziertisch entgegenzusehen ist, mit Hilfe von meines abgehalfterten Kopfgeldjägers Ronin den Kampf aufzunehmen und zurückzuschlagen. Dazu muss ich aber erst einmal die Existenz der Wesen und meiner eignen Kräfte akzeptieren – nicht leicht, wenn Gott und die Welt behauptet, dass ich spinne …

Wenn es um Phantastik vom Kap geht, dann kommt einem augenblicklich natürlich Lauren Beukes in den Sinn. Von einem Charlie Human hat man nicht gehört. Ich behaute jetzt einfach einmal, dass sich dies ändern wird! Human schreibt nicht unbedingt human, dafür gelingt es ihm beispielhaft eine packende Handlung mit aberwitzigen Figuren und einer kräftigen Dosis Lokalkolorit zu paaren.

Herausgekommen ist dabei dann ein Roman, der kaum einzuordnen ist. Horror, oh ja, es gibt jede Menge gruseligen Szenen, Kämpfe und viel Blut. Und Thriller-Elemente – oh ja, die gibt es in den packend beschriebenen Kämpfen, Kommandounternehmen und Fights zuhauf.

Urban Fantasy, na das kommt jetzt darauf an, was man darunter verstehen will. Weichgespülte Parawesen, die ihre frustrierten Partner beglücken sucht man vergebens. Aber er spielen Trolle, Werwesen und Vampire eine gewisse Rolle. Doch weit bedeutsamere Rollen übernehmen Wesen, die uns Westlern unbekannt sind. Naturgottheiten, phantastische Tier-Mensch-Hybriden, die auf afrikanischen Mythen beruhen beherrschen hier das Bild.

Und es gibt einiges über das Alltagsleben aus dem Süden Afrikas nach der Apartheid zu lesen. Nie aufgesetzt, immer mehr im Hintergrund lässt der Autor hier eine Beschreibungen mit einfliessen. Dabei stehen weder die Schönen, noch die Reichen im Zentrum, sondern diejenigen, die so mit Ach und Krach ihren Lebensunterhalt verdienen. Die, die trotz Ausbildung kaum eine große Chance haben im starren System aufzusteigen, wobei ein Rassismus hier im Text weder Thema ist, noch überhaupt sonderlich auftritt. Die vom Glück weniger Begünstigten haben genügend damit zu tun ihr tagtägliches Überleben sicherzustellen, da bleibt für Vorurteile wenig Raum.

Das ganze liest sich anders, als Vieles, was gegenwärtig auf dem Markt ist. Roher, urwüchsiger, interessanter als das ewig Gleiche, das zumeist über den grossen Teich zu uns schwappt.

So ist dies nicht nur ein überzeugendes Abbild der Wirklichkeit in Südafrika der Jetztzeit, sondern auch ein, ob seiner kulturellen wie geschichtlichen Bezüge und der vielschichtigen Figuren packender Roman, der das Interesse an dem in Kürze publizierten zweiten Teil hoch hält.

Charlie Human: Apokalypse Now Now.
Fischer TOR, November 2016.
352 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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