Catherine Ryan Howard: The Nothing Man

Nachts dringt er in einige Häuser im Landkreis Cork ein. Unbemerkt beobachtet er seine zukünftigen Opfer, spielt seine Machtspielchen, um schließlich die Frauen zu vergewaltigen und teilweise zu ermorden. Eve überlebt im Alter von zwölf Jahren die Mordserie und verliert dabei Mutter, Vater und ihre kleine Schwester Anna. Danach verlieren sich die wenigen Spuren des Mörders im Nichts.

Die irische Presse nennt ihn The Nothing Man. Das Rätsel über seine Identität ruht fast zwanzig Jahre, bis Eve ein Wagnis eingeht. Sie schreibt über seine Opfer ein Buch. Und sie kündigt sowohl in ihrem Buch als auch in der Presse an, in Kürze die Identität des Mörders ihrer Familie bekanntzugeben. Sie glaubt, wenn möglichst viele Sesseldetektive ihr Buch läsen, dann würden die fehlenden Spuren ein konkretes Bild zusammensetzen, und The Nothing Man bekäme ein Gesicht und einen Namen.

Die Irin Catherine Ryan Howard wurde in Cork geboren. Sie lebt in Dublin und schreibt fesselnde Thriller. Ihr aktuelles Buch hat in ihrem Land zu Recht die Bestsellerliste erobert und könnte dies auch in anderen Ländern schaffen. Das Warum ist einfach und schnell erklärt. Im Stile des Genres Wahre Verbrechen erzählt sie sehr einfühlsam aus der Perspektive von Eve, was sie erlebt hat und ihren Weg aus der Dunkelheit.

In der zweiten Erzählperspektive findet der abgetauchte Serienmörder das gerade veröffentlichte Buch über seine Taten. Dies schreckt ihn auf. Was weiß diese Eve tatsächlich über ihn. Seit die Presse wieder über ihn spricht, spürt er eine näherkommende Gefahr, die er nicht konkret greifen kann. Er beginnt ihr Buch zu lesen, um die Fakten über seine angebliche Entlarvung zu erfahren. Schnell sind alte Erinnerungen und Mordgelüste geweckt.

Dieses Zusammenspiel von Vergangenem in Eves Aufarbeitung mit aktuellen Ereignissen aus dem Leben des Serienmörders sorgen für viel Spannung und spielen mit der Erwartungshaltung der Leser:Innen. Wem die Serien bekannt sind, in denen mit Hilfe von nachgestellten Szenen die Bevölkerung aufgeklärt und um Mithilfe gebeten wird, folgt gern der fiktiven Faktenlage. Eves Geschichte gewinnt dadurch eine tiefe Authentizität und Glaubwürdigkeit.

Die Autorin bedient nicht das Muster, den Mörder als Star aufzubauen, sondern sie stellt die Leiden der Opfer in den Vordergrund. Auf diese Weise gibt sie ihnen die Aufmerksamkeit, die regelmäßig in den Prozessen verloren geht. Denn die Opfer sind in den polizeilichen Ermittlungen lediglich Beweismittel, deren Glaubwürdigkeit pietätlos geprüft wird. Dieser Entwürdigung setzt die Autorin ihren Thriller entgegen. Er besteht aus vielen kleinen Geschichten, die zusammen ein großes Ganzes ergeben. Sie zeigt Opfer und Täter so, wie sie sein könnten.

Das raffinierte Katz- und Mausspiel macht den Reiz dieser extrem kurzweiligen, unterhaltsamen und aber auch erhellenden Geschichte aus. Sie wurde von Jan Möller aus dem Englischen übersetzt.

Catherine Ryan Howard: The Nothing Man.
Aus dem Englischen übersetzt von Jan Möller.
rororo, Juli 2021.
400 Seiten, Taschenbuch, 12,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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