Margarete Stokowski: Untenrum frei

Ja, dies ist ein feministisches Buch.

Nein, es geht darin keineswegs um einen Rachefeldzug gegen die Männerwelt.

Und ja: Macht und Autonomie sind ein großes Thema, wobei die Autorin den Begriff „Feminismus“ genau wie Rassismus und Klassenunterschiede als redundant betrachtet und am liebsten aus der Gesellschaft ausradieren möchte.

Für Stokowski bedeutet Feminismus …dass alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität und ihrem Körper dieselben Rechte und Freiheiten haben sollen… (S. 13)

Natürlich geht es um persönliche Freiheit, um sexuelle Freiheit, um Selbstbestimmung, Gewohnheiten, Rollenbilder, Klischees,  Hierarchien… Dabei greift die Autorin in erfrischend nonchalantem, niemals dogmatischem Tonfall unsere Denkmuster und Gewohnheiten genauso auf wie unsere Ängste und Fähigkeiten. Weiterlesen

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Amy Liptrot: Nachtlichter

„Es ist schwer, von etwas genug zu bekommen, das nur beinahe funktioniert.“ (Zitat S. 339)

Amy Liptrot ist auf den Orkney-Inseln aufgewachsen, einer Inselgruppe nordöstlich von Schottland. Ihr Vater hat eine bipolare Störung, seine manischen und depressiven Phasen bestimmen das Leben auf dem Bauernhof ebenso wie das Wetter und die Gezeiten. Die Mutter ist tief religiös; ihr Glaube ist nichts, das auch der Tochter Halt geben könnte. Der Raum aus Himmel und Meer ist weit, doch Amy fühlt sich eingesperrt zwischen Klippen und Schafen, eingeengt durch die Kälte und den Wind. Sie zieht nach London, um zu studieren und um endlich zu leben.

London, das sind hell erleuchtete Straßen, durchfeierte Nächte, ständig neue Bekannte, Freunde und Mitbewohner, Alkohol, wechselnde Jobs, halbherzige Abstinzenzversuche, noch mehr Alkohol, Drogen. Amy lässt sich treiben, immer auf der Suche nach dem nächsten Kick, immer in der Gefahr abzustürzen. Sie verliert ihre Liebe, die Wohnung und den Job und erkennt, dass sie etwas ändern muss. Dass sie sich ändern muss. Die dreimonatigen ambulante Therapie in einem Behandlungszentrum zieht sie irgendwie durch – und nun? Arbeitslos und eben erst trocken in London zu sein, ist schwierig. Sie beschließt, nach zehn Jahren auf die Orkney-Inseln zurückzukehren. Ihre Familie ist dort, sie kann sich von Orkney aus für neue Jobs bewerben. Weiterlesen

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Matthias Jung: Chill mal!: Am Ende der Geduld ist noch viel Pubertät übrig

Als meine Tochter 12 Jahre alt war, schrieb ich ein Lied über die kritische Zeit der Pubertät. Im Refrain steht: „Sie ist so jung, so unverfroren unalt, sie ist so cool, und oft Lichtjahre entfernt – sie weiß so viel, vor allem alles besser, manchmal redet sie als käme sie von einem andern Stern, und genau das Gleiche, denkt sie über ihren alten Herrn“. Tja, jetzt ist sie mehr als doppelt so alt und ich spiele dieses Lied noch immer. Weil es zeitlos ist und ich die Worte geplagter Eltern immer noch gerne höre: „Herr Ape, sie singen genau von meiner Tochter“. Das zu beschreiben ist auch Matthias Jung mühelos gelungen. Man kennt ja diesen Psychotest, wenn ein Proband mal ganz schnell drei Dinge sagen soll: „Musikinstrument, Werkzeug, Farbe“. Die Antwort kommt zu nahezu 90% wie aus der Pistole geschossen: „Geige, Hammer, rot“. Und den vorher mit genau diesen drei Begriffen beschriebenen Zettel, hält man diesen verdutzen Zeitgenossen vor die Nase. Weiterlesen

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Peter Michalzik: 1900

Tolstoi will sein Land verschenken. Johannes Guttzeit zieht als moderner Apostel durch die Lande und predigt die vegetarische Lebensweise. Nietzsches zarathustrische Philosophie wird zum Glauben einer neuen Zeit. In Zürich formt sich der Dadaismus. Auf dem Monte Verità in Ascona tanzen langhaarige Menschen den „Tanz an die Sonne“ – nackt, frei, ekstatisch. Um 1900 bildet sich eine Gegenbewegung zur zunehmenden Industrialisierung. Die eigene Selbstentfaltung steht im Vordergrund. Peter Michalzik folgt den schillerndsten Figuren dieser Epoche. Er gibt Anekdoten zum Besten, die es nicht in unsere Geschichtsbücher geschafft haben. Sehr unterhaltsam!

Von Philosophie bis Politik: Selten haben „gehaltvolle“ Bereiche so viel Spaß gemacht, wie in diesem Buch. Der Autor versieht seine Informationen mit einem humoristischen Unterton, der hervorragend zu den besonderen Akteuren passt. Wussten Sie, dass Nietzsche mit beginnendem Wahn seine Briefe mit „Der Gekreuzigte“ oder „Dionysos“ unterschrieb? Oder dass Kafka in Mailand ein Bordell besuchte, um die Damen lediglich aus der Ferne zu beobachten? Weiterlesen

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Sabine Wery von Limont: Das geheime Leben der Seele

Die Hamburger Verhaltenstherapeutin Sabine Wery von Limont hat ein wirklich unterhaltsames Buch über die menschliche Seele geschrieben. Ja, das geht. Ich habe das Buch wirklich gern gelesen. Es beschäftigt sich damit, warum es ein Fehler ist, sich nur auf körperliches zu beschränken. Die Seele ist ein mächtiges Organ und in der Lage, den gesamten Körper zu beeinflussen, positiv wie negativ. Sie bestimmt nicht nur unsere Persönlichkeit, unsere Erinnerungen, unser Verhalten, sondern in der Tat sogar unsere körperliche Leistungsfähigkeit und unsere Heilgeschwindigkeit.

Die gute Nachricht ist: Was in der Kindheit versaut wurde, kann auch im Erwachsenenalter noch einigermaßen repariert werden. Die schlechte Nachricht ist: nicht so einfach. Bahnen, die in der Kindheit falsch angelegt wurden, z.B. durch Mißhandlung oder Vernachlässigung, können nur mit großer Anstrengung und sehr bewußt nachgebaut werden. Aber sie können. Weiterlesen

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Johann Scheerer: Wir sind dann wohl die Angehörigen

33 Tage lang war Jan Phillip Reemtsma in den Händen seiner Entführer. Seine Geschichte hat er in dem kleinen Band „Im Keller“ bereits erzählt. Zur Zeit seiner Entführung hatte Jan Phillip Reemtsma einen dreizehnjährigen Sohn: Johann. Dieser hat jetzt seine Geschichte der 33 Tage in einem Roman verarbeitet. Es begann an einem Morgen, als seine Mutter in sein Zimmer kam mit den Worten: „Jan Phillip ist entführt worden.“ Von da ab beginnen 33 Tage, die im Nachblick surrealistisch erscheinen. Die Wohnung wird verkabelt, Polizisten ziehen in das Haus mit Mutter und Sohn und werden beinahe zu Freunden.

Johann Scheerer erzählt von dem, was er empfunden hat. Von der Langeweile des Wartens, die durch nichts betäubt werden kann. Von der Angst und der Verzweiflung, die mit jeder gescheiterten Lösegeldübergabe wuchs. Von Fehlern wie eine falsch aufgebaute Kopie des Familienwagens, die ihn einfach nur wütend machten. Kontakte zu Schule oder Freunden waren in der Zeit kaum möglich, und wenn sie möglich waren, erwiesen sie sich als schwierig. Weiterlesen

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Neil deGrasse Tyson: Das Universum für Eilige

Erinnern Sie sich eventuell an die Fernsehserie ‚Unser Kosmos‘, die in den achtziger Jahren ein regelrechter Straßenfeger war? Damals führte der Astrophysiker Carl Sagan die Zuschauer in mehreren Folgen in die Geheimnisse des Universums, unseres Sonnensystems und des Lebens auf unserer Erde ein. Er tat dies auf eine so bemerkenswerte und anschauliche Art und Weise, dass die Serie zu einem großen Erfolg wurde.

Seither ist viel Zeit vergangen, es gibt neue Erkenntnisse und natürlich ohnehin so viel Wissenswertes über das Universum zu vermitteln, das in den zwölf Folgen damals nicht angesprochen werden konnte. Daher fassten die Macher der auch in den USA sehr erfolgreichen Serie 2014 den Entschluss zu einer Fortsetzung.

Moderator sollte ein ebenso renommierter Wissenschaftler werden, wie es der mittlerweile leider verstorbenen Carl Sagan gewesen war. Vor allem aber auch jemand, der in der Lage war, die zum Teil sehr komplexen Sachverhalte anschaulich und verständlich zu vermitteln. Die Wahl fiel auf Neil deGrasse Tyson, der diese Aufgabe mit Bravour erfüllte. Weiterlesen

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Friedrich Christian Delius: Die Zukunft der Schönheit

Ein junger deutscher Dichter und Student ist im Frühjahr 1966 zu einer Tagung in New York eingeladen und steht kurz vor der Heimreise. An seinem letzten Abend will er noch etwas Besonderes erleben, deshalb besucht er gemeinsam mit zwei Freunden einen Jazzclub in einer abgelegenen, finsteren Ecke der Stadt. Doch schon bei den ersten „kreischenden, klagenden, schrillen Tönen“ des Saxophonisten Albert Ayler und seiner Band hat er das Gefühl, „von Getröte, Gezirpe, Gehämmer, Gejaule“ in die Flucht getrieben zu werden. Da er sich nicht blamieren und als unwissender Laie, als hinterwäldlerischer Provinzler erkannt werden möchte denkt er: „Lehn dich zurück und hör einfach zu oder hör weg.“

Der Freejazz ist eine neue Erfahrung für ihn und weghören will ihm nicht gelingen, so eindringlich, so aufdringlich spielen die fünf Musiker auf der Bühne. Weiterlesen

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Philippe Sands: Rückkehr nach Lemberg

Vier Männer, alle um 1900 geboren, alle mit einem Bezug zu Lemberg, stehen im Mittelpunkt dieses Buches. Philippe Sands verwebt ihre Lebensgeschichten, ihre Ideen, ihre Erfolge und ihre Niederlagen zu einer ebenso informativen wie bewegenden Geschichte.

Da wären zunächst Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin. Beide waren Juden und haben große Teile ihrer Familie durch NS-Verbrechen verloren. Beide haben an der Universität in Lemberg im Abstand von wenigen Jahren Jura studiert und gelten als Experten und Vorreiter auf dem Gebiet des Völkerrechts und der Menschenrechte. Beide haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Verbrechen der Nationalsozialisten juristisch zu fassen und dafür zu sorgen, dass die Verantwortlichen in den Nürnberger Prozessen strafrechtlich belangt werden konnten. Doch hier endeten auch schon die Gemeinsamkeiten. Während Lauterpacht sich auf den Schutz des Individuums konzentrierte und den Begriff „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ prägte, führte Lemkin das Konzept des „Genozids“ ein, das die gezielte Vernichtung von nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Bevölkerungsgruppen beschrieb. Weiterlesen

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Ed Yong: Winzige Gefährten

Das erste Buch des Wissenschaftsjournalisten Ed Yong ist gleich zum New York Times-Bestseller avanciert. Interessant aufbereitet erklärt er in Winzige Gefährten, wie die Welt voll kleinster Lebensgemeinschaften besteht, die sich in Hunderten von Jahrmillionen entwickelt haben und dass das gesamte Dasein eine Symbiose ist. Den LeserInnen eröffnet sich so eine neue, unsichtbare Welt mitten um und in uns, ohne die das Leben nicht funktionieren würde.

Seine vielen Gespräche mit verschiedenen Wissenschaftlern über ihre jeweiligen Forschungen, stellt Yong in diesem Buch gut verständlich vor.  Anhand Yongs aufgeführten Beispielen wird deutlich, dass Mikroorganismen unsere ständigen und vor allem essentiellen Begleiter sind. Jeder Teil der Welt ist voller Partnerschaften, die sich seit Hunderten von Jahrmillionen entfalten und sich auf die gesamte Pflanzen- und Tierwelt ausgewirkt haben, die wir kennen. (S. 342)

In weiteren Ausführungen erfährt man, dass Mikroorganismen unsere Organe formen, uns vor Giften und Krankheiten schützen, dass Mikroben Viren in Schach halten, dass sie unsere Emotionen, sogar unser Wesen beeinflussen und unsere genetische Veranlagung verändern können. Weiterlesen

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