Peter-André Alt: ‚Jemand musste Josef K. verleumdet haben …‘: Erste Sätze der Weltliteratur und was sie uns verraten

„Am Beginn jeder Erzählung steht ein Verführungsversuch.“ (S. 10) Wie wahr dieser erste Satz des Buchs von Peter-André Alt ist. Denn was ist es, das uns dazu verführt, ein Buch zu kaufen? Das Cover, der Titel und? Genau, der erste Satz. Wenn er uns nicht überzeugt, nicht verführt, wenn er uns nicht hineinzieht in das Buch, dann hat es schon verloren und wir lassen es in der Buchhandlung zurück.

Peter-André Alt ist Literaturwissenschaftler an der Freien Universität Berlin und Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Er hat u.a. Bücher über Schiller, Kafka oder Freud veröffentlicht. Und nun schreibt er über erste Sätze der Weltliteratur. Er zitiert fast 250 erste Sätze, von Homer über Goethe, Poe, Twain, Grass, bis Patrick Süßkind, Michel Houellebecq, Paula Hawkins. Er analysiert, wie sich die ersten Sätze über die Jahrhunderte verändert haben, was damals und was heute ihre Absicht, ihre Intention ist.

Und danach ist sein Buch gegliedert. Nach dem, was die ersten Sätze sagten und sagen. Darin spiegelt sich auch immer die jeweilige Art der Rezeption von Literatur, von Romanen wider. Weiterlesen

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Michael Kumpfmüller: Ach, Virginia

Während Virginia Woolf in ihren letzten Lebenstagen den Krieg, der in ihrem Inneren tobt, mit sich ausficht,  fliegen deutsche Kampfflugzeuge über Südengland und das kleine Cottage, in dem sie und ihr Mann Leonard wohnen. Die Welt und – schlimmer noch – ihr eigenes Leben sind im Aufruhr und einer ständigen Bedrohung ausgesetzt. Melancholie, Selbstzweifel, diffuse Ängste, Mühsal und Leiden während des Schreibprozesses, lassen sie ihr Leben immer mehr als Qual empfinden. Die geniale Schriftstellerin, die ihrer Zeit weit voraus ist, zerbricht an ihrer schweren Persönlichkeitsstörung. Befreiung findet sie in Selbstmordgedanken.

Michael Kumpfmüller hat versucht, sich in diesen Seelenzustand zu versetzen und die 10 letzten Tage ihres Lebens nachzuempfinden, was sicher eine intensive Studie mit allen denkbaren Befindlichkeiten einer verwirrten, destruktiven Persönlichkeit und der Biografie Virginia Woolfs erfordert hat. Immer wieder lässt er Virginias Gedanken auch zu ihren vergangenen Werken abschweifen, was er stimmig in den Ablauf einbaut.

Virginia Woolf tut sich schwer mit der nachlassenden Beachtung der Gesellschaft. Inzwischen kommen so gut wie keine Gäste mehr in das Cottage, dabei lechzt sie nach Bestätigung und Bewunderung. Weiterlesen

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Stefano Mancuso: Die unglaubliche Reise der Pflanzen

Nach seinem erfolgreichen Buch „Die Intelligenz der Pflanzen“ hat Stefano Mancuso, Professor für Pflanzenkunde, seine Leidenschaft in ein weiteres Buch fließen lassen. Im Zentrum stehen Pflanzen, die sich mithilfe ausgeklügelter Fortpflanzungsmethoden durch Raum und Zeit bewegen. Mit viel Liebe zum Detail erfährt der Leser von besonderen Extremen, die die Überlebens- und Anpassungsfähigkeit beschreiben. Ob es um hohe Windgeschwindigkeit, Trockenheit bei 50 Grad Celsius oder extreme Kälte geht, aber auch durch Umweltbelastungen, wenn trotz atomarer Sprengköpfe und die dadurch entstehenden Hitzewellen bis zu 6000 Grad die Wurzeln von Bäumen erneut ausschlagen. Auf informative und unterhaltsame Weise spannt Stefano Mancuso einen weiten Bogen, um die ganze Spannweite pflanzlicher Überlebenskunst unter Beweis zu stellen, aber auch, wie verletzlich ein uralter, einzelner Baum mitten in der Wüste der südlichen Sahara ist, wenn er innerhalb einiger Jahre von zwei Lkws angefahren wird und an den Folgen der Zusammenstöße stirbt.  Aber manchmal können Pflanzen auch zurückschießen, insbesondere der Sandbüchsenbaum, der seinen Samen mit einer Anfangsgeschwindigkeit von 250 Kilometern pro Stunde über 40 Meter weit katapultiert. Trotz dieser ungewöhnlichen Leistungen stoßen Pflanzen – so der Autor – auf geringes Interesse, „…, weil den meisten Menschen ihre grundlegende Bedeutung für das Leben auf diesem Planeten gar nicht bewusst ist.“ (S. 129) Weiterlesen

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Katharina Hagena: Mein Spiekeroog

Ungefähr gerade mal zehn Kilometer lang und zwei Kilometer breit misst die ostfriesische Insel Spiekeroog, auf der Katharina Hagena als Kind und Jugendliche zusammen mit ihrer Familie jedes Jahr die Sommerferien verbracht hat. Auch nach der Sommerferienzeit kommt sie immer wieder gerne auf die Insel zurück, die ihr Leben mitgeprägt hat. Nun hat sie auf 160 Seiten ihre Erinnerungen daran mit weiteren aufschlussreichen Informationen die sie gelesen, gehört – vielleicht auch mal nur geträumt hat über Spiekeroog, in vielen Episoden zusammengefasst. „Schwimmend, verschwimmend, sich verschwimmend“ (eBook S. 19), so bezeichnet die Autorin selbst ihre Annäherung an die kleine Insel. Alle Gegebenheiten dort – biologische Fakten, geologische Daten, Historisches oder wie das Leben früher auf der Insel war und was alles sich im Lauf der Jahre verändert hat, verknüpft die Autorin mit ihrem ureigenen Blick, ihren Erlebnissen und Gedanken. So ist eine gelungene Symbiose zwischen Sachbuch und Literatur entstanden. Es sind Beschreibungen, denen man gerne folgt und so immer weiter mit der Insel vertraut wird. Hagenas Erzählform lebt von Schilderungen wie jener eines blubbernden, schlürfenden, schmatzenden Watts, von Gerüchen nach Krähenbeeren, Seetang oder Butterzimtwaffeln, die die Wege markieren. Weiterlesen

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Sarah Bosetti: „Ich hab nichts gegen Frauen, du Schlampe!“: Mit Liebe gegen Hasskommentare

Ob es die bösen Ausländer sind, die dumme Frau oder der böse Feminismus – als politisch engagierte Feministin bekommt Sarah Bosetti jeden Tag Hasskommentare von fremden Menschen. Eine Frau solle nicht sprechen, das störe ihr Aussehen und derartige Sachen muss sie täglich lesen, einige Menschen wünschen ihr sogar den Tod.

Natürlich könnte sie diese Kommentare mit Hass erwidern – aber wo bliebe denn da der Spaß?

So entstand dieses Buch: Ein Gedichtband, in dem Sarah Bosetti mit Liebesgedichten auf ihre Hasskommentare antwortet.

Ihre Gedichte sind witzig, zynisch und stellen den wütenden Hasskommentar-Verfassern eine ordentliche Portion Intelligenz und Schlagfertigkeit entgegen.

Neben ihrer hohen thematischen Wichtigkeit sind die Gedichte auch noch sehr unterhaltsam; Spaß ist beim Lesen dieses Buches auf jeden Fall garantiert! Die meisten Gedichte enthalten eine humorvolle Schlusspointe, sie passen sich in Sprache und Stil perfekt an den heuteigen Zeitgeist an. Weiterlesen

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Der Jugendrat der Generationen Stiftung: Ihr habt keinen Plan. Darum machen wir einen.

Der Jugendrat der Generationen Stiftung ist, nach eigener Beschreibung im Buchumschlag, „eine Plattform, die motivierten Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Aktivist*innen den Raum und die Werkzeuge gibt, um politische und zivilgesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.“ Unterstützt und gefördert werden die jungen Menschen unter anderem vom Wissenschaftler Harald Lesch.

So hat dieses Buch nicht nur einen Autor, sondern gleich acht. Es sind junge Menschen zwischen zwanzig und dreißig, die sich entschlossen haben, im Jugendrat aktiv zu werden und dabei nicht nur Stellung zu den Problemen unserer Gesellschaft zu beziehen, sondern auch einen Plan zu deren Lösung zu vorzulegen. Das tun sie in Form von 100 Forderungen, die thematisch geordnet, zunächst erläutert und im Anhang nochmals übersichtlich dargestellt werden. In diesem Sinn bietet das Buch tatsächlich eine Art Handlungsplan, der unsere Gesellschaft und unsere Welt besser machen kann.

Einige Themen, die angesprochen werden und für die die Gruppe Pläne vorlegt, sind die Klimakrise, soziale Gerechtigkeit, die Arbeitswelt, Bildung, Abrüstung und die digitale Zukunft. Eine durchaus umfassende Abhandlung also, die jeweils mit rund zehn klaren Forderungen verknüpft ist. Weiterlesen

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Peter von Matt: Sieben Küsse: Glück und Unglück in der Literatur

„Küsse sind das, was von der Sprache des Paradieses übriggeblieben sind“, wird der Schriftsteller Joseph Conrad zitiert. Und tatsächlich folgen Küsse einer ganz eigenen (Körper-) Sprache, inklusive Subtext. Nach der Lektüre dieses Buches werden Sie viele Klassiker der Weltliteratur mit ganz anderen Augen sehen. Garantiert! Peter von Matt, renommierter Professor für Germanistik an der Universität Zürich, beleuchtet das universelle Thema „Glück und Unglück“ anhand sieben großer Kuss-Szenen. Ob „The Great Gatsby“, „Mrs. Dalloway“, „Die Marquise von O“ oder Marguerite Duras Werk „Moderato contabile“ – Küsse sind weit mehr, als das bloße Aufeinandertreffen zweier Münder. Nicht immer sind sie harmonisch, manchmal sind ihre Folgen unabsehbar. Die leidenschaftlichen, missverständlichen, maßlosen, imaginären, innigen und charakterformenden Küsse haben eines gemeinsam: Sie markieren einen Wendepunkt im Leben der Protagonisten. Danach ist nichts mehr so, wie es einmal war. Das ist fürwahr der Liebe Zauberkraft!

Wissen Sie, was sich hinter dem Begriff „Osculologie“ verbirgt? Dieses Wort ist nicht im deutschen Fremdwörter-Duden aufgeführt, dabei handelt es sich um einen der schönsten Zeitvertreibe seit Menschengedenken. Des Rätsels Lösung: „Osculologie“ wird die Wissenschaft vom Küssen genannt. Peter von Matt analysiert nicht nur berühmte Kuss-Szenen der Weltliteratur, sondern vermag auch mit solchen Hintergrundinformationen ungeahnte Wissenslücken aufzufüllen. Weiterlesen

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Anne Weiss: Mein Leben in drei Kisten

Ein Radiointerview hatte mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht. Erwartet hatte ich daraufhin einen Ratgeber, wie man am geschicktesten und elegantesten sein Zuhause ausmistet. So wurde dieses Buch in dem gehörten Interview mit der Autorin geschildert.

Doch irgendwie kann sich das Buch nicht so richtig entscheiden, ob es nun eine Anleitung sein will zum Entrümpeln der eigenen vier Wände und des eigenen Lebens oder doch die biografische Aufarbeitung der Vergangenheit der Autorin Anne Weiss.

Das Buch beginnt mit der Rückkehr von einer ausführlichen Indienreise, welche der Autorin die Diskrepanz zwischen ihrem ziemlich luxuriösen Leben hier und der Armut dort vor Augen führt. Da sie auch gerade ihre Stellung verloren hat, scheint nun der ideale Zeitpunkt gekommen, dieses Leben umzukrempeln und zwar indem sie sich von all den überflüssigen Dingen trennt, die sie angesammelt aber nie gebraucht hat.

Sie fängt mit ihrem Kleiderschrank an und durchforstet ihn nach Kleidungstücken, die sie nie oder nur wenig getragen hat, um all diese auszusortieren. Leider aber zieht sich diese Aktion sehr lange hin, die Leserin erfährt die Geschichte jeder Hose und jedes Paars Schuhe, warum, wann und wie die Autorin sich dieses Teil erwarb. Und so geht es weiter, als sie ihre Wohnung nach „Stehrümchen“, also allem im Laufe der Jahre angesammelten Kitsch und Nippes durchsucht. Zu jeden Stück erzählt sie ausführlich die Umstände, wie sie zu der Figur oder dem Bild gekommen ist. So wird das ganze Buch zu einem Rückblick auf das Leben von Anne Weiss. Das ist recht interessant und vor allem ist es gut geschrieben. Der Stil der Autorin ist flüssig, abwechslungsreich und humorvoll. Weiterlesen

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Charlie English: Die Bücherschmuggler von Timbuktu

Timbuktu war ein geheimnisvoller Ort, der vor etwa 250 Jahren die Fantasie der Westeuropäer beflügelte. Die Gerüchte vom unermesslichen Reichtum in einem unerreichbaren und unerforschten Land in Afrika forderte so manchen Abenteurer heraus. In dieser Zeit waren Amerika und Asien bereits bereist und deren Entdecker berühmt. Es blieb nur noch Afrika, das für die Kartographen aus vielen weißen Flächen bestand. Vor allen Dingen in der Mitte des Kontinents, wenn man aus dem Norden kommend noch die Durchquerung der Sahara vor sich hatte, um den Niger zu erreichen. Ein Fluss, von dem kein Europäer wusste, wo sein Ursprung oder sein Verlauf war und wo er schließlich das Meer erreichte. Irgendwo an diesem Fluss sollte Timbuktu liegen, eine Stadt voller Schätze.

Nach der Gründung der African Association endeten die Annäherungsversuche der ersten Forschungsreisenden tödlich. In einem Brief berichtete Major Laing seinem Schwiegervater von einem überstandenen Überfall und den erlittenen Verletzungen:

„… Um oben zu beginnen: Ich habe drei Säbelwunden am Scheitel und drei an der linken Schläfe, allesamt Frakturen, bei denen ich viel Knochenmasse verloren habe. Ein Säbelhieb auf der linken Wange hat meinen Kiefer zerschmettert und mein Ohr zerschnitten … einen weiteren erhielt ich auf der rechten Schläfe. … eine klaffende Wunde im Nacken, … eine Musketenkugel in der Hüfte, fünf Säbelwunden am rechten Arm und der rechten Hand,  … drei Wunden am linken Arm, der gebrochen ist, eine leichte Verletzung am rechten Bein,   … zwei am linken …“ (S. 16, 17) Weiterlesen

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Torsten Sträter: Es ist nie zu spät, unpünktlich zu sein

Das wird eine ganz kurze Rezension, denn ich kann sie in einem Wort zusammenfassen: Herrlich! Und da ich ein eingefleischter Torsten-Sträter-Fan bin, ist schon deswegen meine Beurteilung natürlich komplett unvoreingenommen.

Nein, im Ernst, die witzigen Geschichten, die spitzfindigen Glossen, die pointierten Beobachtungen und die liebevollen Ruhrpott-Anekdoten sind so wunderbar albern, so unglaublich treffend und so herrlich absurd, dass man sie einfach verschlingen muss. Oder, um mit Torsten Sträter zu sprechen: „Hallo, willkommen zu meinem neuen Buch! Komplett aus Holz, aber lustiger als eine Anrichte.“ (Klappentext).

Und wenn man dann beim Lesen mehrmals lauthals lachen muss, dann haben alle um einen herum auch noch was davon. Immerhin empfiehlt der Autor ja selbst, seine kurzen, aber prägnanten Texte zum Beispiel „In der Wanne. Im Zug. Bei der Fußpflege. Im Urlaub. …“ (S.10) zu lesen. Und meint dann, am Ende des unbedingt zu lesenden Vorworts: „Wenn Sie beim Lesen meine Stimme im Kopf haben, geht das übrigens völlig in Ordnung.“ (S. 11). Weiterlesen

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