Francesco Vidotto: Der Klang eines ganzen Lebens

Fabro wird Anfang November 1925 in einem Bergdorf in den Dolomiten geboren. Die Welt dort oben ist unwirtlich. „In jenem Herbst war es so kalt, dass die Betten hart waren wie Holz.“ Deshalb verlegt die Großmutter die Geburt kurzerhand in den Kuhstall, wo es zwischen den Kühen Mosca, Dama, Nobila und America warm und fast schon gemütlich ist.

Die Geborgenheit in der Familie prägt Fabros Leben. Der Vater ist Hufschmied und „ein guter Mensch“, der niemandem etwas abschlagen kann. Von der Schule hält er allerdings nicht viel: „Er sagte, dass man Bücher nicht essen kann und dass es besser ist, dumm zu leben, als gescheit zu sterben.“ Aber weil er seine Frau liebt und sie keinen größeren Wunsch hat, als dass ihr Sohn lesen und schreiben lernt, gibt er schließlich nach.

Fabro ist kein guter Schüler, aber mit Hilfe seiner Freundin Rina, schafft er den Abschluss nach der fünften Klasse und beginnt danach, seinem Vater in der Werkstatt zur Hand zu gehen, denn das Geld ist knapp. Als Rina heiratet, trifft ihn das hart. Doch sie war schon lange einem anderen Mann versprochen, da ist nichts zu machen und über seine Emotionen zu sprechen fällt ihm nicht leicht. Weiterlesen

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Alma Katsu: The Hunger – Die letzte Reise

Springfield, Illinois im Jahr 1846: Die „Donner Party“ eine Gruppe von Familien mit Kindern, die von dem Donner-Clan angeführt wird, macht sich auf den Weg nach Kalifornien. Alle sind sich im Klaren, dass die Reise keine leichte sein wird. Doch so beschwerlich, wie sie sich dann herausstellt, hat sie sich niemand vorgestellt. Schon bald wird ein Junge des Trecks unweit des Lagers tot aufgefunden. Er ist seltsam verstümmelt, die Wunden sind aber keinem Tier, das die Anwesenden kennen, zuzuordnen. Schon bald werden Männer entsandt, die das Monster stellen sollen. Unterdessen bewegt sich die Menschengruppe immer weiter auf einen Gebirgspass zu, der als besonders gefährlich gilt.

Alman Katsus Roman, der eine Mischung aus historischer Geschichte und Thriller bietet, ist von der ersten Seite an sehr atmosphärisch dicht geschrieben. Die Donner Party hat es wirklich gegeben. Sie wanderte die im Roman beschriebene Strecke nach Westen mit 87 Personen, 34 von ihnen überlebten die Reise nicht, da die Gruppe in den Bergen vom Winter überrascht wurde. Es ist überliefert, dass es zu kannibalistischen Handlungen kam. Ein Monster findet sich in den Aufzeichnungen der Siedler nicht – aber wer sagt, dass es dieses nicht doch gegeben hat? Auf dieser Frage baut Alma Katsu ihre Geschichte auf. Weiterlesen

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Sabine Bode: Das Mädchen im Strom

Sie ist groß, schön und selbstbewusst: Gudrun Samuel zieht im Mainzer Strandbad alle Blicke auf sich, wenn sie als 13-Jährige selbstbewusst raucht und oder fahrende Sattelschlepper erklimmt. Der Buchtitel ist hierbei genial gewählt. Beginnt er noch verspielt in den Fluten des Rheins, wird Gudrun schon bald vom Strom des Lebens hinfort gerissen. Auf der Flucht durch das NS-Regime muss die Jüdin um den halben Erdball ziehen, erfährt Armut, Vertreibung und Heimatlosigkeit am eigenen Leib. Mit diesem Buch ist Sabine Bode ein beeindruckendes Portrait einer starken Frau gelungen, die trotz aller Rückschläge das Prinzip Hoffnung lebt, Neubeginn und Versöhnung miteingeschlossen. Der Roman basiert zum Großteil auf der realen Biografie von Gertrude Meyer-Jörgenson, geborene Salomon, die von der Autorin 2011 interviewt wurde. Ein Buch aktueller denn je! Denn es macht den Schrecken begreifbar, dem heute noch Millionen von Menschen weltweit ausgesetzt sind.

Als Tochter eines Schuhgroßhändlers in behüteten Verhältnissen aufgewachsen, endet Gudruns unbeschwerte Jugend schon bald. Zum Beispiel als ihre Jugendliebe zu dem deutschen Martin plötzlich als „Rassenschande“ gilt. Aus dem eigenen Zuhause vertrieben, im Gefängnis der Gestapo monatelang verhört, begibt sich Gudrun auf die schwierige Flucht über Russland in das Judenghetto von Shanghai. Weiterlesen

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Linda Winterberg: Die verlorene Schwester

2008: Anna lebt in Zürich und arbeitet als Investmentbankerin bei einer Schweizer Bank. Beruflich läuft es bei ihr gut, aber in ihren Beziehungen hat sie immer wieder Pech. Als ihre Mutter nach einem Unfall im Krankenhaus liegt und Anna im Arbeitszimmer ihres verstorbenen Vaters nach den Versicherungsunterlagen sucht, fällt ihr eine Adoptionsurkunde in die Hände. Sie ist schockiert. Warum haben ihr die Eltern nichts davon erzählt? Erklärt die Adoption das angespannte Verhältnis zwischen ihrer Mutter und ihr?

Anna ist hin- und hergerissen. Soll sie sich auf die Suche nach ihrer richtigen Mutter machen? Beistand findet sie bei der ruppigen und abgebrannten Journalistin Claudia. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, die Geheimnisse der Vergangenheit zu lüften, werden dabei aber immer wieder von Annas Unentschlossenheit ausgebremst.

1968 in Bern: Als der Vater der Schwestern Lena und Marie stirbt, fällt ihre Mutter in eine tiefe Depression. Die Mädchen versorgen sich so gut sie können selbst und hoffen, dass es ihrer Mutter bald wieder besser geht. Doch in der Nachbarschaft beginnt das Getratsche und als es eines Tages an die Tür klopft, steht eine Mitarbeiterin der Fürsorge mit zwei Polizisten davor. Lena und Marie werden wegen der Gefahr der Verwahrlosung gewaltsam in ein Heim gebracht. Noch sind sie zusammen und geben die Hoffnung nicht auf, dass die Mutter sich aufrafft und sie wieder zu sich holt. Weiterlesen

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Volker Kutscher: Marlow: Der siebte Rath-Roman

Der Schriftsteller Volker Kutscher (Jahrgang 1962) lebt und arbeitet in Köln. Mit seinen Krimis über den Kriminalkommissar Gereon Rath wurde er berühmt. Die Krimis spielen im Berlin der 1920er und 1930er Jahre. Die Krimireihe wurde mit dem Titel „Babylon Berlin“ u.a. unter Regisseur Tom Tykwer verfilmt. Die zweite Staffel läuft zurzeit in der ARD.

Volker Kutscher ist aktuell mit seinem siebten Rath-Krimi „Marlow“ in Deutschland auf Lesereise. Der Krimi ist am 30. Oktober 2018 im Piper Verlag erschienen.

„Marlow“ so heißen ein Mecklenburgisches Dorf und ein Verbrecherkönig in Berlin. Auf dem Gut des kaiserlichen Forstinspektors Friedrich Larsen in der Nähe von Marlow im Jahre 1918 beginnt Volker Kutscher in seinem Krimi „eine andere Geschichte“.

Und im Berliner August des Jahres 1935 steigt Gerhard Brunner im hellen Sommeranzug in das Taxi von Otto Lehmann. Der Taxifahrer gibt Gas und rast mit seinem Gast in vollem Tempo gegen eine Mauer. Weiterlesen

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Peter Prange: Eine Familie in Deutschland: Zeit zu hoffen, Zeit zu leben

30. Januar 1933: Adolf Hitler wird in Berlin zum Reichskanzler ernannt. Die Menschen leben in einer Zeit, in der viele „den Beginn einer besseren Zukunft, manche aber den Anfang eines vielleicht schrecklichen Endes erblickten.“ Doch an diesem Tag interessiert in Fallersleben, einem Dorf im Wolfsburger Land, niemanden die große Politik, denn der „Zuckerbaron“ Hermann Ising feiert das Richtfest seines neuen Hauses. Ising ist als Ortsgruppenleiter und großer Arbeitgeber ein bedeutender Mann in der Gegend. Deshalb strömen nicht nur die Einwohner der umliegenden Dörfer herbei – schließlich verspricht das Fest „Freibier und Essen bis zum Platzen“ –, sondern auch die lokale Prominenz ist gut vertreten.

Auch die erwachsenen Ising-Kinder lassen sich die Feier nicht entgehen: Edda, die in Göttingen Romanistik studiert, Medizin-Studentin Charlotte – genannt Charly -, Horst, bei dem es als einzigem unter den Geschwistern nur für die Mittelschule gereicht hat und der in der väterlichen Zuckerfabrik mit anpackt und zuletzt Georg, Ingenieur und Autonarr. Und dann ist da noch der Nachzügler Willy, erst ein paar Monate alt und ein Sonnenschein, wie er im Buche steht.

Berlin scheint weit entfernt von dieser dörflichen Idylle, doch die großen Umwälzungen, die Deutschland bevorstehen sind bald in Fallersleben nicht mehr zu übersehen und haben Konsequenzen für die Isings und darüber hinaus. Weiterlesen

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Carmen Korn: Zeitenwende

Vier Hamburger Freundinnen wurden zu Beginn des letzen Jahrhunderts geboren, da hatte Deutschland noch einen Kaiser. Alle vier haben beide Kriege überlebt, wenn sie auch mehr oder weniger beschädigt daraus hervorgegangen sind, sie haben ihre Familien durch Inflation und Wirtschaftswunder gebracht und im letzten Band erleben sie die Zeit der Studentenunruhen, des Deutschen Herbstes, der Wiedervereinigung und auch den Jahrtausendwechsel.

Groß ist er geworden, der Freundeskreis, in dem man Freunde und Familie kaum noch auseinanderhalten kann. Das Buch setzt 1970 mit Henny Ungers 70. Geburtstag ein, es gibt alleinerziehende, erfolgreiche Mütter, die schwule Lebensgemeinschaft ihres Sohnes wird endlich legal. Trotzdem muss man sich um die Verwandtschaft noch jede Menge Sorgen machen. Da träumt die eine von einer Karriere als Kriegsreporterin, die andere lässt sich während des Studiums mit der RAF ein. Es sind die großen und kleinen Sorgen, die diese Trilogie ausmachen und die sie so liebenswert machen.

Jeder kann sich ausrechnen, dass nicht alle der Akteure der ersten Stunde dieses Buch überleben werden, die meisten sind schließlich Anfang des Jahrhunderts geboren. Deswegen ist der letzte Teil der Trilogie auch ein Abschiednehmen von lieb gewonnen Protagonisten. Weiterlesen

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Oliver Pötzsch: Faustus 01: Der Spielmann

Knittlingen, 1486: Der 8-jährige Johann wird von seiner Mutter liebevoll Faustus, der Glückliche, genannt. Dabei ist sein Leben alles andere als glücklich, ist er doch regelmäßig den Schikanen der anderen Kinder des Ortes und seines eigenen Vaters ausgesetzt. Doch ein Magier namens Tonio del Moravia prophezeit dem Jungen eine große Zukunft und nimmt ihn schließlich acht Jahre später bei sich auf. Doch Johann merkt schnell, dass mit Tonio etwas nicht stimmt und seine Absichten alles andere als redlich sind. Er kann fliehen und ab diesem Moment selbst entscheiden, was er mit seiner Zukunft anfangen will. Oder hat er längst einen Pakt mit dem Teufel geschlossen …?

Oliver Pötzsch wirft einen spannenden Blick auf die historische Figur des Johann Georg Faust, der etwa 1480 in Knittlingen geboren wurde und als Wunderheiler, Alchemist und Magier bekannt wurde. Er ist auch die Grundlage der beiden berühmten Tragödien Faust I und Faust II von Johann Wolfgang von Goethe. Ähnlich wie der große Dichter hat Pötzsch seinen Roman in zwei Teilen angelegt. Weiterlesen

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Vera Buck: Das Buch der vergessenen Artisten

Berlin, 1935: Die Mittvierziger Mathis und Meta leben mit Metas Bruder Ernsti gemeinsam in einer Wohnwagensiedlung einiger Artisten. Hitler ist an der Macht und seine Rassengesetze erschweren den Artisten die Arbeit. Die wenigsten von ihnen dürfen überhaupt noch einer Tätigkeit nachgehen und viele sind bereits einfach verschwunden. Manche sind geflohen, andere wurden von der Polizei abgeholt und nie wiedergesehen. Als dieses Schicksal auch Metas geistig behindertem Bruder zustößt, will diese nicht einfach tatenlos zusehen. Und Mathis wäre nicht Mathis, wenn er seiner Freundin nicht helfen würde. Dabei würde er viel lieber an seinem geheimen Buch über die vergessenen Artisten, jene an deren Namen sich niemand mehr erinnert, weiterschreiben …

Vera Buck ist ein besonderer Roman gelungen. Auf gut 750 Seiten lässt sie in zwei zeitlich abgegrenzten Abschnitten die Welt der Artisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts und zur Zeit Hitlers lebendig werden. Der erste Handlungsstrang findet 1902 statt und begleitet den 15-jährigen Mathis auf seinem Weg von einem langweiligen Dörfchen und seinem Dasein als Bohnenbauerssohn hin zu einer Karriere auf der Straße. Weiterlesen

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Anthony McCarten: Licht

Es ist eine spannende Zeit: Ende des 19. Jahrhunderts legt der technische Fortschritt mit Glühbirne, Elektrizität, Phonograf, Telefon, Kühlschrank und Kautschuk-Kondom ein rasantes Tempo vor. Erfindergenie Thomas Alva Edison, „der ein Orchester in eine Kiste packte“ (so wurde der erste Schallplattenspieler tituliert) nimmt hierbei eine wichtige Schlüsselrolle ein. Der Roman widmet sich den wichtigsten Stationen seines Lebens, von 1878 bis zum Jahr 1929. Der greise Erfinder blickt auf sein Leben zurück und auf eine Kooperation, die seine Arbeit verändern sollte. Die mit dem Finanzmagnaten J. P. Morgan. Neben dem technischen Fortschritt prägt noch eine wesentliche Veränderung den gesellschaftlichen Wandel: das Aufkommen der internationalen, monopolisierten Geldwirtschaft. Mit Multi-Milliardär Morgan, dessen Vermächtnis heute als Symbol der Finanzkrise von 2008 assoziiert wird, steht ein Geldhai an der Spitze, der neue Regeln aufstellt. Eine Idee allein ist nichts wert. Die Wirtschaftlichkeit allein bestimmt, ob eine Erfindung der Welt zugänglich gemacht wird oder nicht. Weiterlesen

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