Joyce Carol Oates: Sieben Reisen in den Abgrund

Die 1938 geborene amerikanische Autorin Joyce Carol Oates ist nicht nur eine Vielschreiberin, sondern auch in vielen unterschiedlichen Genres unterwegs. Eines davon ist Horror – so wie in ihrer jetzt endlich auch auf Deutsch erschienenen Geschichten-Sammlung „Sieben Reisen in den Abgrund“.

Darin kommen zwar keine übersinnlichen Mächte vor, aber die Autorin führt uns in derart alptraumhafte Situationen, dass man sich mitunter kaum traut weiterzublättern, oder nur dann, wenn rings um den Lesesessel alles hell erleuchtet ist.

In der ersten Geschichte, „Die Maisjungfer“, die auch titelgebend für die bereits 2011 erschienene amerikanische Originalausgabe war („The Corn Maiden“), entführt eine irre Jugendliche ein jüngeres Mädchen. Sie will es in Anlehnung an ein alles Ritual opfern. Schnell wird ein Lehrer verdächtigt, dafür verantwortlich zu sein.

Als Leser ist man nicht nur im Kopf der wahnsinnigen Täterin, sondern erlebt auch hautnah und über viele Seiten die Qualen der Mutter und des zu Unrecht verdächtigten Lehrers. Durch die totale Nähe zum Geschehen wird das zu einem äußerst intensiven Leseerlebnis. Weiterlesen

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Judith Visser: Mein Leben als Sonntagskind

Jasmijn ist ein ganz normales Mädchen. Sie hat viele Freunde, eine Beziehung zu einem beliebten Jungen, einen Hund, der sie vergöttert, und alles im Leben fliegt ihr nur so zu. Zumindest die Normale Jasmijn. Die reale Jasmijn wird als schwieriges Kind bezeichnet, schottet sich ab und findet keinen Zugang zu Gleichaltrigen. Beziehungen sind für sie ein Albtraum und am liebsten verbringt sie die Zeit nur mit ihrer Hündin Senta. Erst als sie erwachsen ist, erhält Jasmijn die Diagnose Asperger-Syndrom. Doch bis dahin ist der Weg lang und steinig und sie muss ihre Kindheit und Pubertät ohne fremde Hilfe schaffen. Und die Normale Jasmijn ist nur eine Erfindung des kleinen Mädchens, eigentlich haben die beiden kaum etwas gemeinsam. Doch immer wieder denkt Jasmijn darüber nach, wie die Normale Jasmijn sich in bestimmten Situationen verhalten würde. Nur gelingt es ihr nicht, diese Dinge dann auch in die Tat umzusetzen. Weiterlesen

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Colleen Hoover: Die tausend Teile meines Herzens

Merit ist 17 Jahre alt, als sie den Jungen ihrer Träume trifft. Er steht einfach im Einkaufszentrum und winkt ihr, als würden sie sich schon ewig kennen. Nur wenige Minuten später küsst er sie und alles ist wie im Traum. Einem Albtraum. Denn es stellt sich heraus, dass Sagan niemand anderes ist als der Freund ihrer Zwillingsschwester Honor! Merit setzt alles daran, Sagan aus dem Weg zu gehen, denn obwohl das Verhältnis zwischen ihr und Honor nicht zum Besten steht, will sie ihr nicht dazwischenfunken. Ihr Leben ist auch so schon turbulent genug.

Merit lebt mit ihrer großen und bunten Familie in einer alten Kirche. Ihr Mutter wohnt im Keller und verlässt diesen nicht mehr. Der Vater lebt mit seiner neuen Frau, die den gleichen Namen trägt wie die Mutter, dem gemeinsamen Kind und seinen drei so gut wie erwachsenen Kindern aus erster Ehe im Erdgeschoss. Weiterlesen

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Chloe Benjamin: Die Unsterblichen

New York, 1969: Die vier Geschwister Varya (13), Daniel (11), Klara (9) und Simo (7) haben einen Sommer voller Abenteuer vor sich. Es geht das Gerücht, dass eine seltsame Frau in einer Wohnung das Schicksal, sogar den Todestag eines jeden, der vor sie tritt, voraussagen kann. Die vier Kinder ahnen nicht, welchen Stein sie mit ihrem Besuch bei der Frau ins Rollen setzen. Vor allem Simon ist danach wie ausgewechselt und wütend. Was hat die Frau ihm prophezeit? Warum läuft er, als Klara einige Jahre später ausziehen will, um in den Westen zu gehen, gegen alle Regeln auf und folgt ihr, obwohl er noch minderjährig ist?

Chloe Benjamin folgt in ihrer Geschichte den vier jungen Menschen, die sie gleich am Anfang vorstellt. Zuerst ist Simon dran, der sich gegen alles und jeden auflehnt, nur um er selbst zu sein. Dann Klara, die ihren Traum wahr machen möchte und Zauberin werden will.  Schließlich Daniel, der auf sein Leben zurückblickt und viele Fragen hat. Und dann Varya, voller Schuldgefühle und Geheimnisse. Alle vier Personen lernt man im Verlauf des Romans näher kennen. Drei von ihnen sind dabei glanzvoll umsetzt, spannend mit aufreibenden Themen und Fragen, nur Varya bleibt irgendwie auf der Strecke. Sie bildet das Ende des Romans und ich hatte genau da etwas mehr erwartet, als dann gekommen ist. Weiterlesen

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Tim Krohn: Julia Sommer sät aus

Ich bleibe dabei, auch beim dritten Band bleibt diese Idee grandios. Nämlich „Ein Buch über Gefühlsregungen zu schreiben, die von Mitmenschen vorgeschlagen werden, und die Tim Krohn so wunderbar in diese Mietshausgeschichten aus der Röntgenstraße in Zürich, einflechtet. In allen Gestalten, noch so verrückt oder jung, sexbesessen, forschend oder über das Sterben sinnend – in allen findet sich ein Teil von uns wider.“ Mittlerweile weiß ich sogar, wo die Röntgenstraße in Zürich ist – gut, ich bin nicht extra hingefahren, aber eher zufällig bei einem Besuch, entdeckte ich die Straße und das machte alles noch vorstellbarer. Weiterlesen

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Saša Stanišić: Herkunft

Saša Stanišić (Jahrgang 1978) wurde in Višegrad an der Drina (Bosnien und Herzegowina, damals Jugoslawien) geboren und kam Anfang der 1990er Jahre nach Deutschland. Aktuell lebt der Schriftsteller in Hamburg. Für seinen Roman „Vor dem Fest“ erhielt er 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse. 2016 erschien sein Erzählband „Fallensteller“ im Luchterhand Literaturverlag. Am 18. Februar 2019 veröffentlichte der Verlag Stanišićs neuen Roman mit dem Titel „Herkunft“.

Darin erzählt Saša Stanišić in Episoden mit Überschriften wie „An die Ausländerbehörde“ und „Die Häkchen im Namen“ oder „Aral-Literatur“ Autobiographisches und Erfundenes. Er erzählt von Feuerfelsen, Schlangennestern und Drachen.

Seine demente Großmutter Kristina führt ihn zu seinen Ahnen in ein Dorf namens Oskoruša, in dem nur noch dreizehn Menschen leben, auf dessen Friedhof fast alle Grabsteine den Namen Stanišić tragen und eine Schlange im Baum hängt.

Großvater Pero ist Kommunist, der andere Großvater, Muhamed, angelt gern. Seine Großmutter mütterlicherseits, Nena, liest aus Nierenbohnen die Zukunft. Und Stanišićs Großtante Zagorka will Kosmonautin werden. Weiterlesen

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Susanne Hasenstab: Irgendwo zwischen Liebe und Musterhaus

Der 1984 geborenen deutschen Autorin Susanne Hasenstab ist mit „Irgendwo zwischen Liebe und Musterhaus“ ein höchst unterhaltsamer Roman gelungen. Er nimmt sowohl die abstrusen Befindlichkeiten einer lokalen Möchtegern-Literatenszene aufs Korn als auch diejenigen, die mit Häuslekauf und Familienplanung allzu vorhersehbar durchs Leben schreiten.

Katja, die als Redaktionsassistentin bei einer Gratis-Zeitung arbeitet, wird von ihrem Freund Jonas von einer Hausbesichtigung zur nächsten geschleift. Sie folgt ihm nur widerwillig, schließlich weiß sie gar nicht, ob sie ihr Leben schon so früh festzurren will. Doch auch bei einer literarischen „Soiree“ ergeht es ihr nicht besser. Dort plustern sich allerlei Nichtskönner in ihrer ganzen gockelhaften Eitelkeit auf. Doch dann taucht der Krimi-Autor Robert auf … Weiterlesen

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Oleg Senzow: Leben

Wenn jemand ständig hinterfragt, in der Schule trotz bester Noten ausgegrenzt wird und dennoch seinem Wissensdurst treu bleibt, dann darf man demjenigen Intelligenz und Charakter unterstellen. Der 1976 auf der Krim geborene Oleg Senzow hat in seinem Leben schon viel geleistet. Viele Talente erlauben viele Wege und Wegkreuzungen: Ein Marketing-Studium, Anführer der Cyberbewegung auf der Krim; Kurse für Drehbuch und Regie an der Filmschule Moskau; Autor von Romanen, Erzählungen, Theatertexten; Regisseur von Kurz- und Langfilmen; politischer Aktivist und am 25. August 2015 von einem russischen Gericht wegen angeblicher terroristischer Handlungen zu 20 Jahren Haft verurteilt; derzeitiger Aufenthalt in Labytnangi nördlich des Polarkreises. Wer ihm schreiben möchte, sollte nur die erlaubten kyrillischen Buchstaben (ggf. Übersetzungstool aus dem Internet) verwenden. Oder #freesentsov.

Aus dem Vollen schöpfend hat der Verlag eine viel zu kleine, dafür aber feine Auswahl getroffen, die zum Teil chronologisch Oleg Senzows Leben beschreibt. In dem Heimatdorf seiner Kindheit und Jugend steht das nackte Überleben der meist bäuerlichen Bewohner an erster Stelle. Wenn in einem solchen Umfeld der gepflegten Bildungsferne der Junge Oleg seine Intelligenz mit Büchern füttert, kann es nur Konfrontationen geben. Diese zeigen beispielhaft, wie seine Persönlichkeit zu einem starken Geist geschmiedet wurde. Weiterlesen

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Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall

Dieser meisterhaft erzählte und psychologisch ausgefeilte Roman erzählt von fünf Frauen, die ihre Liebe im Ernstfall verloren haben. Die Gründe für das Scheitern ihrer Beziehungen sind so unterschiedlich wie die Charaktere der Frauen. Mal scheinen ihnen die Umstände übel mitzuspielen, meist aber müssen sie erkennen, den falschen Lebenswurf gewählt zu haben. Denn egal, was die eine hat und um das die andere sie beneidet – seien es Kinder oder Karriere, Stabilität oder Unabhängigkeit – sie alle sind unglücklich mit ihrer Situation.

Paulas Beziehung zerbricht durch den Tod des Kindes. Ihr Mann gibt ihr die Schuld an dem Unglück. Doch bei genauerer Betrachtung scheint schon Jahre zuvor ein Riss durch die vermeintliche Vorzeigefamilie gegangen zu sein. Während Paula um ihr Kind trauert, wird ihre beste Freundin Judith ungewollt schwanger. Die erfolgreiche Ärztin führt seit jeher Beziehungen zu reifen, verheirateten Männern und hält diese auf Distanz. Ihre wahre Liebe gilt den Pferden sowie ihrem Beruf. Auf Online-Plattformen sammelt sie Affäuren. Dies ändert sich erst, als sie Gregor kennenlernt. Zum ersten Mal scheint eine Langzeitbeziehung denkbar. Doch als sie das gemeinsame Kind heimlich abtrieben lässt, ohne ihn über ihre Schwangerschaft in Kenntnis zu setzen, kann er ihr diesen Vertrauensbruch nicht verzeihen. Weiterlesen

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Judith W. Taschler: Das Geburtstagsfest

Kim hat keine Lust, seinen 50. Geburtstag zu feiern, zumindest nicht mit vielen Menschen. Nur mit der Familie, vielleicht noch mit seinen wenigen engen Freunde, so könnte er es sich vorstellen. Mit zunehmendem Alter meidet er die Gesellschaft. Immer mehr lange verschüttete Gedanken und Gefühle kommen ans Licht.

„Er hatte mehr erreicht, als er jemals zu träumen gewagt hatte.“ Kim, der Flüchtlingsjunge, der seinen Traum von Familie und Selbständigkeit als Architekt verwirklichen konnte. Aber die Glücksgefühle von früher wollen sich nicht mehr einstellen. Er zweifelt daran, ob sein Leben tatsächlich in den richtigen Bahnen verläuft, aber noch verdrängt er die dramatischen Ereignisse aus seiner Jungend, so gut er kann.

Doch seine Frau Ines plant – ohne sein Wissen – eine große Feier und auch die Kinder haben eine Überraschung für ihn: Jonas, der Jüngste, hat Tevi Gardiner eingeladen. Die Tevi, die als Kind Ende der 1970er Jahre gemeinsam mit Kim in das österreichische Dorf P. nahe Linz gekommen war, die Tevi, die er auf der gefährlichen Flucht durch den kambodschanischen Dschungel tagelang getragen hatte, weil ihr die Ruhr und der Tod ihrer Familie alle Kraft genommen hatten. Weiterlesen

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