Simon Urban: Wie alles begann und wer dabei umkam

Einen ausgesprochen witzigen Schelmenroman legt der deutsche Autor Simon Urban vor. In seinem 544-Seiten-Wälzer mit dem langen Titel „Wie alles begann und wer dabei umkam“ geht es um die Juristerei und die Frage, wie gerecht unsere Gesetze eigentlich sind.

Der Held entwickelt schon als Kind Interesse an diesem Thema. In Abwesenheit verurteilt er seine Großmutter, den tyrannischen Familiendrachen, zum Tode.

Kein Wunder also, dass er später Jura studiert – und zwar in Freiburg. Dort eckt er mit einer neuen Professorin an, die sich für eine Gesetzgebung einsetzt, die weniger auf Strafe ausgerichtet ist. Unser Held sieht‘s anders. Im Wesentlichen kommt er nicht damit klar, dass ein Täter nicht für ein und dieselbe Tat zweimal verurteilt werden kann – auch dann nicht, wenn neue Beweise auftauchen. Der Ich-Erzähler mutiert mehr und mehr zum düsteren Racheengel, der das Gesetz selbst in die Hand nimmt. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

T.C. Boyle: Sprich mit mir

T. C. Boyles (Jahrgang 1948) neuer Roman „Sprich mit mir“ erscheint zuerst in Deutschland bevor die amerikanische Originalausgabe „Talk to me“ zu lesen sein wird. Am 25. Januar 2021 veröffentlichte der Carl Hanser Verlag das Buch des weltberühmten US-amerikanischen Schriftstellers in einer Übersetzung von Dirk van Gunsteren.

Mein Lesejahr 2021 beginnt (trotz Böllerverbot) mit einem Knaller: „Sprich mit mir“ von T. C. Boyle.

Darin erzählt Boyle die Geschichte von Guy Schermerhorn, Aimee Villard und Sam. Dr. Schermerhorn ist Privatdozent für Psychologie an einer kalifornischen Universität und forscht zum Spracherwerb von Schimpansen. Aimee Villard, eine junge und schüchterne, aber sehr hübsche Studentin, sieht Schermerhorn in der in den 1970er Jahren bekannten Fernsehshow „Sag die Wahrheit“. Mehr noch als Guy Schermerhorn beeindruckt Aimee jedoch der Auftritt des Schimpansen Sam, der in sich in der Show in Gebärdensprache mit Guy unterhält (beinahe wie Loriots sprechender Hund Bello). Aimee bewirbt sich als studentische Hilfskraft in Schermerhorns Projekt. Soweit so normal. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

E.M. Lindsey: Irons & Works 02: Unsere Zukunft auf deiner Haut

Seit einem schlimmen Autounfall sitzt Sam im Rollstuhl. Nach zwanzig Jahren führt er ein komplett normales Leben und kümmert sich um ein kleines Mädchen. Doch das Jugendamt ist gegen ihn und will ihm trotz aller Fürsorge alles nehmen. Sam sieht sich mit Schikane konfrontiert und muss neben Kind und Job auch noch Kurse besuchen und sich um die Adoption kümmern. Da ist kein Platz für Liebe. Aber dann kommt Niko.

Niko hat alles verloren. Eishockey hat ihm alles bedeutet, doch nach nur wenigen Minuten in der Profiliga musste er seinen Traum aufgeben. Gezeichnet von seinem Schicksal denkt auch er nicht daran, sich zu verlieben. Doch mit Sam und seiner kleinen Tochter hat er nicht gerechnet.

Mir persönlich hat der zweite Band der Reihe sehr gut gefallen. Ich habe alle Charaktere des ersten Teils wiedergetroffen und an manchen Stellen ein kleines Update zu Basil und Derek bekommen, um die es im ersten Band ging. Niko und Sam hingegen fand ich wirklich süß. Die beiden haben vom ersten Moment an einfach so gut zueinander gepasst, dass ich den ersten Kuss kaum noch abwarten konnte. Das war wirklich purer Zucker! Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Christian Guay-Poliquin: Das Gewicht von Schnee

In diesem Buch gibt es keine Gewissheiten. Wenn überhaupt, dann nur diese: Wie hoch der Schnee liegt. Der namenlos bleibende Ich-Erzähler kann die Schneehöhe mit einem Fernrohr an einem Messstab ablesen. Er beobachtet, wie der Schnee fällt, wie sich das Licht mit dem Wetter wandelt. Nach einem schweren Autounfall ist er mit zwei gebrochenen Beinen ans Bett gefesselt. Eigentlich wollte er nach vielen Jahren in seinem Heimatdorf den Vater besuchen, doch er kam zu spät. Der Vater war gestorben und der Stromausfall hat alles verändert. Die Menschen versuchen sich in ihrem stromlosen Leben einzurichten, es gibt Straßensperren, bewaffnete Gruppen, die durch die Gegend ziehen. Manche wollen an die Küste, andere in die Stadt, obwohl auch dort wahrscheinlich der Strom ausgefallen ist. Was genau passiert ist, weiß man nicht. Alles außerhalb des Dorfes bleibt undeutlich hinter Flockenwirbeln aus Schnee. Vielleicht gibt es gar keine Zivilisation mehr.

Auch der alte Matthias will in die Stadt, zurück zu seiner demenzkranken Frau. Er hat sie dort im Krankenhaus zurückgelassen, nur für ein paar Tage, er musste mal raus. Dann kam der Stromausfall. Matthias ist im Dorf gestrandet und bezog ein leeres Haus abseits am Waldrand. Die Dorfbewohner mögen keine Fremden, doch sie bieten ihm einen Deal an: Wenn er sich um den Verletzten kümmert, der immer noch irgendwie einer der Ihren ist, versorgen sie ihn mit Lebensmitteln und Brennholz und er bekommt einen Platz im Kleinbus, sobald sie in die Stadt fahren können. Nach dem Winter. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Oyinkan Braithwaite: Das Baby ist meins

Bambi ist 28 Jahre alt und weit davon entfernt, erwachsen zu sein. Er hangelt sich von Freundin zu Freundin durch. Verantwortung zu übernehmen, ist nicht sein Ding. Gerade ist er bei Mide rausgeflogen, weil sie auf seinem Handy verfängliche Nachrichten und Fotos entdeckt hat. Mitten im Corona-Lockdown muss er sich eine neue Unterkunft suchen. Da fällt ihm das alte Haus seines verstorbenen Großvaters ein. Bambis Onkel hatte darin gewohnt, doch der ist zum Opfer des Virus geworden. Und Bambis Tante ist doch sicher nicht alleine im Haus geblieben. Nicht mit einem neugeborenen Baby. Doch als sich Bambi im Dunkeln ins Haus schleicht, trifft er auf seine Aunty Bidemi. Und nicht nur das: Auch Esohe wohnt dort, die Geliebte seines Onkels. Es herrscht kein angenehmes Klima zwischen den beiden Frauen – das merkt sogar Bambi.

Und dann ist da noch das Baby: Remi, ein Junge, nur ein paar Monate alt. Aunty Bidemis Kind, denkt Bambi. Doch es dauert nicht lange bis Esohe behauptet: „Das ist mein Baby!“ Bambi ist verwirrt. Er hat keine Ahnung, wem er glauben soll. Mittlerweile hat der Kleinkrieg um das Baby an Fahrt aufgenommen. Die Frauen lassen sich kleine und große Gemeinheiten einfallen, um die jeweils andere auszustechen und den jungen Mann auf ihre Seite zu ziehen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Ji-Min Lee: Marilyn und ich

Alice J. Kim ist gerade einmal 30 Jahre alt und wäscht ihr graues Haar mit Bier. Sie besitzt eine panische Abneigung gegen Menschenmengen und hat auch sonst große Probleme mit dem Leben. Für die meisten ihrer Landsleute gilt sie als Hure der Amerikaner, obgleich sie in der Militärverwaltung nur als Übersetzerin arbeitet.

Der Leser trifft auf die Protagonistin in dem Augenblick, als ihr Hammet, ihr Vorgesetzter in der amerikanischen Militärverwaltung, eröffnet, dass sie Marylin Monroe während des viertägigen Korea-Besuchs als Dolmetscherin begleiten soll. Hier stellt sich die zentrale Frage dieses Romans: Können vier Tage mit Marylin das Leben von Aesun, wie Alice J. Kim wirklich heißt, retten?

Der Leser nimmt in der Ich-Perspektive der Protagonistin an deren trostloses Leben kurz nach dem Koreakrieg teil, ohne zunächst konkret zu erfahren, was diese depressive Aura ausmacht. Sie erzählt dem Leser von ihrem Alltag, ihren Störungen und Zwängen auf eine unterhaltsame, mitleidslose Art und Weise, die die Lektüre nie langweilig werden lässt.

Alice hat nur wenige Freunde. Kurz vor dem Marylin-Besuch in Korea lehnt sie die Avancen von Guyong ab. In die bislang chronologische Schilderung werden nun Rückblenden eingefügt, die sich harmonisch in die Handlung einfügen und den Leser keinesfalls aus dem Lesefluss reißen. So wie Ji-Min Lee zeitliche Sprünge in die Geschichte einbindet, werden sie zu einem gekonnt eingesetzten literarischen Mittel. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Thomas Reverdy: Ein englischer Winter

Mit dem Winter vor Margaret Thatchers Wahl zur britischen Premierministerin 78/79 befasst sich ein Roman von Thomas Reverdy. Die Fahrradkurierin und Hobbyschauspielerin Candice fährt im winterlichen London durch Müllberge, die wegen des Generalstreiks nicht abgeholt werden. In einem improvisierten Nachtclub verliebt sie sich.

Der Roman des 1974 geborenen britischen Autors zerfällt ein wenig in verschiedene Einzelteile, die nur lose miteinander verbunden sind. Einen Schwerpunkt bilden die politischen Verhältnisse im „Winter des Missvergnügens“ – so hat ihn ein englischer Journalist einmal genannt -, als Streiks das Land lahmlegten. Man sollte sich für dieses lange zurückliegende Thema interessieren, wenn man den Kauf dieses Buches in Erwägung zieht. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Richard Wagamese: Das weite Herz des Landes

Franklin Starlight stammt von den Ojibwe ab. Er war der einzige Indianer in der Schule, wegen seiner Schweigsamkeit wird er oft für mürrisch gehalten. Am wohlsten fühlt er sich, wenn er mit der Stute auf kaum zu entdeckenden Pfaden das Hochland durchstreift, manchmal wochenlang. Allein. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich beim Alten auf der Farm. Der Alte hat ihn aufgezogen, ihn alles gelehrt: Arbeit, Jagd, Respekt vor der Natur. Als Frank sechzehn ist, lässt ihn sein Vater zu sich rufen. Eldon Starlight ist ein herunter gekommener Alkoholiker, der in einer Kaschemme in der Fabrikstadt am Parson’s Gap lebt und sich als Tagelöhner durchs Leben schlägt. Pflichtbewusst macht sich Frank auf den mehrtägigen Weg in die Stadt. Er erwartet nichts vom Vater. Seit er denken kann, lebt er beim Alten; der Vater kam selten, jedes seiner Versprechen wurde zur Enttäuschung.

Eldon geht es sehr schlecht. Er will, dass Frank ihn in die Wildnis bringt, in die Gegend, aus der er gekommen ist, und ihn dort mit dem Gesicht nach Osten begräbt, im Sitzen, wie einen Krieger. Widerwillig stimmt Frank zu. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Viktor Martinowitsch: Revolution

„[…] Wenn du das liest und dich entsetzt […], berücksichtige bitte die Plötzlichkeit des Ganzen. Ich konnte nicht eine Sekunde nachdenken und überlegen. Das hatten sie, wie es aussieht, auch so kalkuliert.“ (S. 195)

Der Ich-Erzähler Michail gerät in den Fokus einer geheimen Organisation, deren Strukturen so diffus sind wie ihre Ziele. Seltsame Umstände bringen ihn in einen Konflikt mit der Polizei, die mit einer Gefängnisstrafe droht. Doch der Zufall schickt ihm die Hilfe eines fremden Freundes. Michail ist gerettet und gleichzeitig in einer Abhängigkeit gefangen, weil die neuen Freunde von ihm Gegenleistungen verlangen. Spontane Anrufe katapultieren ihn in Gewissenskonflikte. Von einem Mittfünfziger, dessen Gesicht und Leibesfülle für ein geruhsames Leben sprechen, erfährt Michail, dass die eigene Unversehrtheit nur über erfolgreiche Aufträge gesichert ist.

Im Laufe der folgenden Monate lernt Michail alle Hemmschwellen zu überwinden.

Viktor Martinowitsch studierte Journalistik und lehrt heute Politikwissenschaft. Revolution ist sein dritter Roman und wurde wie die vorhergehenden Romane von Thomas Weiler übersetzt. Der Autor thematisiert in seinem aktuellen Roman die Auswirkungen der Macht. Der Gegenspieler des Ich-Erzählers, der alte Batja, erklärt sein Erfolgsrezept: Macht müsse man sich nehmen und jeden aus dem Weg räumen, der etwas dagegen habe. Die Macht, die durch eine Wahl gewährt wird, sei keine Macht im eigentlichen Sinne. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Chris Kraus: Scherbentanz

Jesko ist ein Außenseiter in seiner Familie. Während sein Vater und sein Bruder ernst Geschäftsmänner sind, die immer Anzug tragen, keine Gefühle zulassen und im Geld schwimmen, ist er Modedesigner, der seine Klamotten selbst näht und gerne Röcke trägt. Er vermeidet den Kontakt zu seiner Familie, sooft es eben möglich ist, zu seiner Mutter, von der sein Vater sich in seiner frühsten Kindheit scheiden ließ, hat er keinen Kontakt mehr.

Doch eine Sache schweißt die zerbrochene Familie wieder zusammen: Jesko hat Leukämie und wird bald sterben, da sich kein passender Knochenmarkspender findet. Bis seine verschwundene Mutter wieder auftaucht, die einzige in der Familie, die noch nicht als Spender ausgeschlossen wurde.

Jesko wird zurück in die Villa seines Vaters gelockt, um seine Mutter davon zu überzeugen, ihm das Leben zu retten. Dort angekommen muss er feststellen, dass sie geisteskrank ist und nicht selbstständig denken kann.

Aber das ist nicht der Grund, warum Jesko sich weigert, die Spende seiner Mutter anzunehmen. Obwohl er kurz vor dem Tod steht, will er die Rettung nicht annehmen und weigert sich, mit seiner Mutter zu sprechen. Denn vor vielen Jahren, als er und sein Bruder noch Kinder waren, hat diese Frau ihm etwas Schreckliches angetan. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: