Elizabeth McKenzie: Im Kern eine Liebesgeschichte

Veblen ist verträumt, legt keinen Wert auf teure Kleidung und lebt in einer bescheidenen Hütte. Außerdem ist sie leicht versponnen, glaubt zum Beispiel, mit Eichhörnchen kommunizieren zu können. Ihr Freund Paul dagegen träumt von einem tollen Haus und lässt sich für seine berufliche Karriere als Arzt auf eine zwielichtige Firma ein, die auch vor Menschenversuchen nicht zurückschreckt.

​Man fragt sich bei Elizabeth McKenzies Roman „Im Kern eine Liebesgeschichte“ unweigerlich, was um Himmels Willen zwei so ungleiche Menschen voneinander wollen und wie sie bloß zusammengekommen sind.

Veblen und Paul planen ihre Hochzeit, doch als schwere Prüfung auf ihrem Weg zum Happy End erweist sich der Kontakt zu den Eltern beziehungsweise Schwiegereltern. Veblens egozentrische Mutter ist extrem schnell beleidigt und steigert sich in ihre eingebildeten Krankheiten hinein: eine Hypochonderin. Und Pauls Bruder Justin hat unter der Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen, weswegen er leicht behindert ist, sich permanent danebenbenimmt und ganz schön nervig werden kann. Weiterlesen

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Andrew Kaufman: Wie meine Frau einundfünfzig Prozent ihrer Seele rettete

Kurz und crazy: Auf rund 100 Seiten erzählt Andrew Kaufman eine skurrile Geschichte voller überbordender, phantastischer Elemente über einen seltsamen Raubüberfall. Hier geht es nicht um Geld oder Schmuck. Die Geplünderten einer Bankfiliale müssen einen Gegenstand mit dem für sie größten emotionalen Wert an den Räuber aushändigen. Der nimmt anschließend 51 Prozent ihrer Seele mit. Was dann passiert, lässt sich schwerlich in Worte fassen. Ist es ein Märchen oder ein Gleichnis? Eine Fantasy-Story oder ein durchgeknallter Literatur-Trip? Vielleicht ein wenig von allem. Sicher ist: In Kaufmans Welt ist nichts unmöglich. Wahnsinnig komisch!

Stacey und David sind seit sieben Jahren verheiratet. Sie haben einen kleinen Sohn namens Jasper, ein Haus und leben in vermeintlicher Vorstadtidylle. Doch die Ehe ist längst nicht so intakt wie vermutet – Stress, Vernachlässigungen und Ernüchterungserscheinungen inbegriffen. Die rational veranlagte Stacey händigt dem Seelenfänger ihren wichtigsten Gegenstand aus: Ein Taschenrechner, den sie seit ihrem Studium besitzt, mit dem sie Hausraten und den idealen Zeugungszeitpunkt berechnet hat. Wenige Tage nach dem Überfall folgt der Schock: Sie schrumpft in rasantem Tempo! Mathematisch sehr begabt, erkennt Stacey ein Muster dahinter, doch den Vorgang aufhalten kann sie dadurch nicht. Weiterlesen

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Angelika Waldis: Ich komme mit

Einsam geworden ist es in Vitas Wohnung in der Torstraße 6. Erst ist ihr Sohn ausgezogen, dann ihr Mann verstorben. Nun ist Vita Maier 72 und hat sehr viel Zeit. Immer wieder läuft sie ihrem Nachbarn Lazar, genannt Lazy, über den Weg. Er ist das krasse Gegenteil von Vita: Zwanzig Jahre alt, Student – nur Zeit, Zeit hat er keine. Denn Lazy leidet an einer schweren Krankheit und Zeit bleibt nicht mehr viel, bis die Chemo endlich anschlagen muss. Vita nimmt sich seiner an, lädt ihn erst zum Frühstück, dann zum Mitwohnen ein. Und aus den beiden ungleichen Menschen wird ein Team, das nur allzu oft über das Leben philosophiert.

„Ich komme mit“ sprüht vor Wortgewaltigkeit, vor Tiefe zwischen den Zeilen. Lazy und Vita entwickeln mit der Zeit ein Ritual, in dem sie über das Leben philosophieren. Einer sagt ein Zitat über das Leben, der andere antwortet:

„‚Warum sagst du nichts?‘, ruft Maier vom Sofa aus.

‚Leben ist Wärme im Hundeohr‘, sag ich.

Maier scheint zu überlegen.

‚Leben ist Melodie erkennen im Summen des Kühlschranks‘, sagt sie dann.“ (Zitat Kapitel 9) Weiterlesen

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Maxim Biller: Sechs Koffer

Der Schriftsteller und Journalist Maxim Biller (Jahrgang 1960) steht mit seinem neuesten Buch „Sechs Koffer“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2018. Der Roman ist am 8. August 2018 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Darin erzählt Maxim Biller die Geschichte einer jüdisch-russischen Familie, die Ähnlichkeiten mit seiner eigenen Familiengeschichte aufweist. Der Ich-Erzähler ist der junge Sohn der Familie, der in den Geheimnissen, Gerüchten und Geschichten um den Tod des Großvaters Schmil Biller, des „Taten“, stöbert. Dabei hat jede und jeder in der Familie ihre bzw. seine eigene Version darüber, wie es 1960 zur Hinrichtung des Großvaters durch den KGB kam.

Der Roman beginnt 1965 in Prag. Die Eltern des Erzählers, Semjon (Sjoma) und Rada, sind aus Moskau nach Prag geflüchtet. Sjoma arbeitet als Übersetzer, Rada in einem Institut. Der Bruder von Sjoma, Dima, wird aus dem Gefängnis entlassen. Dima wird von der Familie für den Verrat und den Tod des Großvaters verantwortlich gemacht. Aber war er es wirklich? Oder war es vielleicht Dimas schöne Ehefrau, Natalia Gelernter? Natalia dreht Filme („Hanka Zweigová 1967“) und war einst die Geliebte von Sjoma. Später bringt sie sich in Genf um. Weiterlesen

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Anita Brookner: Ein Start ins Leben

Mit 40 Jahren sitzt Dr. Ruth Weiss an ihrem Schreibtisch, lässt ihr Leben an sich vorüberziehen und fragt sich, was sie zu dem gemacht hat, was sie ist.

Zuallererst gibt sie den Büchern die Schuld, dass sie und ihr Leben so verkorkst sind, dass sie trotz ihrer unbestrittenen Vorzüge, meist ein zurückgezogenes, eigenbrötlerisches Leben führt. Als Literaturwissenschaftlerin haben es ihr besonders die Frauen bei Balzac angetan, bei ihnen sucht sie Halt und Antworten, aber auch andere Geschichten und Romane haben sie schon von frühester Kindheit an geprägt. Doch plötzlich wird ihr klar: Die moralische Erziehung, die sie durch die Literatur genossen hat, ist für den modernen Alltag einfach nicht tauglich.

Und darüber hinaus war niemand in ihrer Verwandtschaft geeignet, ihr einen Weg zu zeigen, wie sie zu einer selbstbewussten, emotional stabilen Frau werden konnte. Einzig das Verhalten der preußisch strengen, den Haushalt dominierenden Großmutter konnte bis zu deren Tod als Richtschnur dienen, die allerdings deutlich überholt war und aus der Zeit fiel. Mit einer im Theater, im Film und zuhause schauspielernden Mutter, die nie erwachsenen geworden war und mit der es nach dem unfreiwilligen Ende ihrer Karriere steil bergab ging und einem Vater, der nur zu gern mitspielte, die Mutter vergötterte, sich aber ab und zu auch seine kleinen Fluchten ohne sie nahm, war Ruth Weiss schon als Jugendliche der Spielball widerstreitender Interessen und trotzdem die einzige in ihrer Familie, die sich erwachsen benahm. Weiterlesen

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Deb Spera: Alligatoren

1924 in South Carolina: Hier treffen drei Frauen aufeinander, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Annie ist Plantagenbesitzerin und als sie ein wohl gehütetes Geheimnis herausfindet, gerät ihre Welt aus den Fugen. Oretta ist ihre schwarze Haushälterin, die mit beiden Beinen im Leben steht, aber immer auch mit dem Rassismus der Mitmenschen zu kämpfen hat. Die dritte im Bunde ist Gertrude, eine junge Frau mit gewalttätigem Ehemann und vier Töchtern. Sie alle durchzubringen ist schwer und bringt sie an ihre Grenzen. Als das jüngste Mädchen krank wird, weiß Gertrude endgültig nicht mehr weiter. Sie bittet Annie um Arbeit in ihrer Nähfabrik und Oretta darum, sich um das Kind zu kümmern. Das Schicksal schweißt die drei Frauen zusammen und als ein Schuss im Sumpf fällt, ist nichts mehr wie bisher.

Deb Spera hat eine ganz besondere Geschichte geschrieben, die abwechselnd aus den Perspektiven der drei Frauen erzählt wird. Jede von ihnen steht für einen Teil der vorhandenen Gesellschaftsschichten. Oretta ist schwarz, muss für die Weißen arbeiten und hat nichts zu sagen in der Gesellschaft. Weiterlesen

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Tom Rachman: Die Gesichter

Einen spannenden und höchst empfehlenswerten Vater-Sohn-Roman hat der britisch-kanadische Autor Tom Rachman geschrieben. Hauptthema: Wie gelingt es Pinch, sich von seinem Über-Vater Bear Bavinsky zu lösen? Gelingt es ihm überhaupt?

Bear Bavinsky gehört zu den erfolgreichsten Malern seiner Generation, und sein Sohn himmelt ihn über alle Maßen an. Doch der große Künstler hat charakterliche Defizite. Er interessiert sich ausschließlich für sich selbst und verschleißt eine Frau nach der anderen. Am Ende kommt er auf 17 leibliche Kinder.

Tom Rachman erzählt diese Geschichte, die sich über viele Jahrzehnte erstreckt, aus der Sicht des Sohnes, der außer dem Talent fürs Malen keine Eigenschaft seines großen Vaters geerbt zu haben scheint. Er ist schüchtern und tut sich schwer im Umgang mit Frauen. Er findet schließlich eine Stellung als Italienisch-Lehrer, die ganz offenbar weit unter seinen intellektuellen Möglichkeiten liegt. Weiterlesen

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Hannah Dübgen: Über Land

Ein kurzer Augenblick, der alles verändert: Clara fährt mit ihrem Fahrrad eine junge, verstört wirkende Frau an, die sofort wegrennt, obwohl sie augenscheinlich verletzt ist. Die merkwürdige Gangart der Frau, ihre bunt zusammengewürfelten Kleider, ihr etwas südländischer Teint und die dunklen Locken – Clara lässt das Schicksal der jungen Frau nicht mehr los. Ihr kommt der Gedanke, dass es sich um eine Geflüchtete handeln muss. Aus Angst eine Teilschuld am Unfallhergang zu erhalten, was sich negativ auf ihren Asylbescheid auswirken könnte, muss sie das Weite gesucht haben. Doch Clara forscht im Flüchtlingszentrum nach und trifft dort tatsächlich auf Amal.

Drei Menschen aus drei verschiedenen Kulturkreisen bilden den Kern dieser Geschichte. Die deutsche Ärztin Clara, ihr Freund Tarun, der aus Indien stammt und als Architekt in Deutschland arbeitet sowie die Irakerin Amal, die in der Flüchtlingsunterkunft auf ihren Asylbescheid wartet. Amal hat im Irak Archäologie studiert und zeichnet gerne Comics. Ihr Vater ist vor einigen Jahren verschwunden, die Großmutter wurde öffentlich hingerichtet, ihre Mutter erhielt nach kritischen Worten an Saddam Hussein berufliche Repressalien. Amal vermisst ihre Familie fürchterlich, Weiterlesen

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Majgull Axelsson: Dein Leben und meins

Auf dem Heimweg von Mumbai, wo ihre Tochter mit ihrer Familie wohnt, steigt die fast 70jährige Märit in Lund aus dem Zug. Über 50 Jahre war sie nicht in dieser Stadt gewesen. Es ist nicht so, dass sie das will, es ist vielmehr ein „zwingender Drang“, der sie antreibt. Eigentlich möchte sie nach Hause nach Stockholm. Allerdings ist unterwegs noch ein Abstecher in Norrköping eingeplant, um mit ihrem Zwillingsbruder Jonas, der nach einem Schlaganfall pflegebedürftig wurde, und dessen Frau Kajsa den runden Geburtstag zu feiern. Auch diesen Besuch macht Märit nicht ganz freiwillig: Kajsa, ihre ehemals beste Freundin, setzt sie unter Druck und möchte, dass die Geschwister, die sich ihr Leben lang nicht viel zu sagen hatten, auf ihre alten Tage versöhnen. Doch Märit gibt, wie so häufig, nach und sagt ihr Kommen zu.

Damit fordert sie den nächsten Streit mit „der Anderen“ heraus, die sie in ihrem Kopf immer dabei hat. Märit ist allerdings überzeugt davon, nicht verrückt zu sein, sie vermutet vielmehr, dass es sich bei der Anderen um die Stimme ihrer Schwester handelt, die bei der Drillingsgeburt gestorben war und deren Geist in sie hineingeschlüpft ist. Die Andere kommentiert Märits Gedanken und ihr Verhalten meist sarkastisch und giftig. Dabei hört sie die Andere nicht wirklich. Zu ihrer Psychologin hat Märit einmal über sie gesagt: „Das ist eher, als höre sie alles, was ich denke, und dann denkt sie genau das Gegenteil.“ Weiterlesen

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Jennifer Eagan: Manhattan Beach

Jennifer Egan, eine 1962 geborene amerikanische Schriftstellerin, entführt uns mit ihrem fulminanten Roman „Manhattan Beach“ in das New York des Zweiten Weltkriegs. Ihre Hauptfigur Anna, eine selbstbewusste junge Frau, möchte unbedingt in den Marinewerften, wo die imposanten Kriegsschiffe gebaut werden, als Taucherin arbeiten.

Das erscheint zunächst unmöglich, hat es doch noch nie zuvor eine Frau gegeben, die den 100 Kilogramm schweren Tauchanzug angezogen hat. Und so treten ihr die größten Vorbehalte und Widerstände entgegen.

Die Autorin verquickt diese Emanzipations-Geschichte um Anna, die mit Mutter und schwerbehinderter Schwester zusammenlebt, mit zwei weiteren Handlungssträngen: Da ist zunächst der zwielichtige, aber gut aussehende Dexter Styles. Er verdient sein Geld zumindest teilweise mit illegalen Geschäften, in denen Nachtclubs, greise, aber mächtige Gangsterbosse in mafiaähnlichen Strukturen eine Rolle spielen. Dexter und Anna lernen sich kennen, und eine gegenseitige Anziehungskraft verbindet sie zumindest kurz. Weiterlesen

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