Carolin Wahl: Zwei Leben in einer Nacht

Carolin Wahls Jugendroman beginnt mit einer Warnung. Es sollten nur diejenigen das Buch lesen, die mit den Themen Depression, Trauer, Tod, Suizid und Ängsten umgehen können. In ihrer Danksagung schreibt die Autorin, sie habe vor Jahren Berichte über die sogenannte Blue Whale Challenge in Russland gelesen, durch die viele Jugendliche den Tod fanden. Und weil dieses Thema sie nicht mehr los ließ, schrieb sie die einnehmende Geschichte zweier Fünfzehnjähriger, die sich in der Nacht zu Freitag, dem 13., auf einem Bahnhof treffen.

Sam und Caspar sind sich völlig fremd, doch sie haben ein paar Gemeinsamkeiten, die alles aufwiegen. Sie wollen beide in wenigen Stunden sterben und vorher noch einige Aufgaben erfüllen, die ihnen der geheimnisvolle Ghost über den Hashtag #zweilebenineinernacht zuschicken wird. Nach jeder erledigten Aufgabe schicken sie ihm einen Beweis, um kurz darauf ein neues Ziel mit Zeitangabe zu erfahren. Sam und Caspar lernen sich in dieser extremen Nacht sehr gut kennen. Sie haben nichts mehr zu verlieren, und leisten sich deshalb Ehrlichkeit. Doch was ist Ehrlichkeit wert, wenn einer etwas Wesentliches verschweigt, das alles in Frage stellt?

Carolin Wahl, 1992 in Stuttgart geboren, wurde bereits für ihre Texte mehrfach ausgezeichnet. Ihr Metier sind aktuelle Themen. Bereits im vergangenen Jahr schrieb sie ein Buch über Wahlmanipulation, Pressefreiheit, Populismus und die MeToo-Debatte. In ihrem aktuellen Jugendroman erzählt sie aus der Sicht von Sam und Caspar, warum sie im Internet nach Foren gesucht haben, in denen sich lebensmüde Jugendliche austauschen. Über Deathwish chatten sie mit Gleichgesinnten. Die meisten von ihnen brauchen für den letzten Schritt Unterstützung.

Carolin Wahl schreibt sehr emotional über Sams und Caspar Erlebnisse und setzt den Leser auf eine Gefühls-Achterbahn, die durch Hochs und Tiefs rast. Am Ende bleibt die Frage, wie man verzweifelten Jugendlichen tatsächlich helfen kann. Am Beispiel von Sam und Caspar zeigt die Autorin glaubwürdig, warum beide aus einer leidvollen Situationen fliehen wollen und im Freitod den einzig wahren Ausweg sehen. Und dann ist da noch die Unterstützung von Ghost, von dem Caspar sagt. „… Ich will, dass er stolz auf uns ist. Wir gehen heute als Gewinner. … Er hat uns alles ermöglicht. Dass wir nicht leise, sondern laut gehen können.“ (S. 148)

Wenn in Zeiten gepflegter Oberflächlichkeit Empathie für den Nächsten zu fehlen scheint, dann wird der Wechsel von Likes zu echter Anerkennung gebraucht. Den Blick vom Display abwenden, um in echte Gesichter zu schauen, wäre der erste Schritt.

Carolin Wahl: Zwei Leben in einer Nacht.
Loewe, Oktober 2020.
360 Seiten, Taschenbuch, 9,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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